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«Toni» Meier erlebte die grossen Ereignisse Liechtensteins im 20. Jahrhundert hautnah mit: Die Rheinkatastrophe, den Zweiten Weltkrieg aber auch den wirtschaftlichen Aufschwung. (Fotos: Paul Trummer / ZVG)
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Liechtenstein|14.02.2020

Meier: «Mit 85 habe ich mich entschieden, kürzerzutreten»

Es gibt kaum noch Menschen, die Liechtensteins Aufschwung «vom Bauernstaat zum Finanzplatz» selbst miterlebt haben. ­Anton «Toni» Meier aus Mauren ist einer von den wenigen, die das noch von sich behaupten können. Im Januar feierte er seinen 100. Geburtstag.

«Toni» Meier erlebte die grossen Ereignisse Liechtensteins im 20. Jahrhundert hautnah mit: Die Rheinkatastrophe, den Zweiten Weltkrieg aber auch den wirtschaftlichen Aufschwung. (Fotos: Paul Trummer / ZVG)

Es gibt kaum noch Menschen, die Liechtensteins Aufschwung «vom Bauernstaat zum Finanzplatz» selbst miterlebt haben. ­Anton «Toni» Meier aus Mauren ist einer von den wenigen, die das noch von sich behaupten können. Im Januar feierte er seinen 100. Geburtstag.

«fritig»: Herr Meier, wie wird man 100 Jahre alt?

Anton Meier:

Diese Frage kann ich nur wie folgt beantworten: Mit dem Segen Gottes. Man kann sich das nicht aussuchen und man kann auch nichts mitbestimmen. Auch wenn man im Leben alles richtig macht und gesund lebt, heisst das nicht, dass man so alt wird.

Immer wieder hört man die ­Floskel: «Früher war alles besser». Stimmt diese Aussage?

Ich würde eher «anders» sagen, aber nicht unbedingt «besser». Früher herrschte einfach eine viel stärkere Zusammengehörigkeit als heute. Man war gegenseitig voneinander abhängig und pflegte seine Nachbarschaften. So zum Beispiel, wenn eine Kuh kurz vor dem Kalben stand. Oder auch dann, wenn den Frauen in der Küche etwas fehlte, konnte man immer auf seine Bekannten zählen. Das ist etwas, was ich heute noch als etwas Gutes erachte. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die heute weitaus besser sind als damals. Es kommt ganz darauf an, von welchem Standpunkt aus man die Sache betrachtet.

Haben Sie ein Beispiel, was damals grundlegend anders war als heute?

Was sich sehr geändert hat, ist der Glaube und die Kirche. Nach einer langen Regenzeit kam es vor, dass man an einem Sonntag heuen wollte. Das musste der Pfarrer allerdings genehmigen. Nach dem Gottesdienst versammelten sich alle auf dem Kirchplatz. Der Weibel las dann immer die Neuigkeiten vor, die er zuvor vom Vorsteher erhalten hatte. Wenn sich die Bevölkerung eben wünschte, an einem Sonntag zu heuen, musste der Vorsteher das erst mit dem Pfarrer besprechen. Wenn es gut lief, stieg der Weibel anschlies­send wieder auf sein Podest und rief: «Heute ist das Heuen erlaubt!» Das konnte aber zu einem Problem werden, wenn man in zwei verschiedenen Gemeinden Grundstücke hatte. Dadurch musste man immer separat anfragen, was für uns Bauern sehr mühsam war.

Wenn es fast nur Bauern gab, wer kümmerte sich dann um Bauarbeiten, Verwaltung etc.?

Spontan fallen mir zu dieser Frage die 1930er-Jahre ein, genauer gesagt das Jahr 1932. Damals wurde gerade die erste Wasserleitung nach Mauren erstellt. Mein Vater arbeitete als Vorarbeiter mit. Zu dieser Zeit gab es viele Grossfamilien mit zahlreichen Kindern. Gleich mehrere Burschen im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren schlossen zu dieser Zeit ihre Schule ab. Allerdings hatte nur einer pro Familie die Chance, beim Bau der Wasserleitung mitzuwirken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man noch alles von Hand machte: Von Hand graben, von Hand zufüllen und so weiter. Einfach alles. Man muss bedenken, dass die Leitungen auch unter der Bahnlinie hindurch gelegt werden mussten. Das war wohl der komplizierteste Teil der ganzen Arbeit. Maschinen hatten die Arbeiter keine. Der Bahndamm wurde nur durch Stämme und Bretter gehalten, die die Arbeiter alle – eben von Hand – dort positionieren mussten.

Damals waren Sie 12 Jahre alt. Was haben Sie zu dieser Zeit ­getan?

«Buurnet». Wir hatten zu Hause etwas Vieh und lebten von der Hand in den Mund. Aber ich muss schon sagen, dass die 1930er-Jahre recht mager waren. Dennoch konnte man mit dieser Tatsache leben und alles war noch viel friedlicher. Es war eine schöne Zeit. Und wie gesagt, hat man sich in der Nachbarschaft gegenseitig unterstützt.

«Toni» Meier als kleiner Junge, vermutlich Ende der 1920er-Jahre.

Waren diese schweren Zeiten auch noch Nachwehen der Rheinflut von 1927?

Gut möglich. Alles sprach vom «Rhii­broch». Wir in Mauren sagten dazu aber «Rhiigrössi». Lange schon regnete es ununterbrochen und man musste davon ausgehen, dass der Rhein über die Ufer treten wird. Deshalb kommandierte das Land die Feuerwehren dazu ab, am Damm Wache zu stehen. Mein Vater war ebenfalls bei der Feuerwehr. Dadurch wurde auch er einmal zur Wache abkommandiert. Tatsächlich bewahrheiteten sich die Befürchtungen: Der Rhein trat zwar nicht über die Ufer, brach jedoch ein. Als ich am Morgen danach aufwachte, sagte meine Mutter: «Der Rhein ist gekommen. Alles steht unter Wasser.» Ich eilte zu Fuss zum Riet und stand vor dem Wasser. Als 7-Jähriger dachte ich mir nur: «Zack! Jetzt haben wir doch tatsächlich einen See.» Im Maurer Riet stand alles unter Wasser. Die Häuser, die heute hier stehen, hätte man wohl gar nicht mehr gesehen, da das Wasser so hoch war. Ein paar Jugendliche hatten bereits ein Floss aus Holzstämmen zusammengeschnürt. Damit brachten sie Brot von Mauren nach Schaanwald.

Das war noch zu Zeiten, in denen der Landesfürst noch nicht im Land wohnte. Wie stand die Bevölkerung vor seiner Anwesenheit zu ihm?

Das Volk verehrte den Fürsten schon damals. Ich weiss noch, als es in der Schule einmal hiess: «Der Fürst kommt ins Land.» Alle Schulen des Landes versammelten sich beim Grenzübergang in Schaanwald. Dort haben wir auf das Auto von Fürst Franz I. gewartet. Als es dann so weit war, winkten uns die Lehrer zu und wir mussten die Hände in die Höhe halten und ihn lauthals begrüssen.

Im September 1939 begann dann der Zweite Weltkrieg. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Ich weiss noch, dass die Kirchenglocken geläutet haben und dort, wo es eine solche gab, auch die Sirenen heulten. Die Schweiz mobilisierte umgehend ihr Militär. Diejenigen, die einrücken mussten, haben ihren Rucksack gepackt, den Kanister umgehängt und das Gewehr mitgenommen. Viele Frauen standen alleine mit den Kindern und dem Vieh da. Damals waren ja fast alle noch ­Bauern. Es war schon eine sehr bewegte Zeit.

Bei Kriegsausbruch war Anton Meier bereits 19 Jahre alt. Das Foto ent­­stand vermutlich um diese Zeit.

Können Sie sich noch daran erinnern, als die Amerikaner 1943 Feldkirch bombardierten?

Aber gewiss. Das war ja nur wenige Kilometer von Mauren entfernt. Der Angriff erfolgte über die Mittagszeit. Eigentlich war Feldkirch nie ein Ziel eines solchen Angriffs. Die Besatzungen haben lediglich ihre Bomben abgeworfen, da sie diese nicht auf den langen Rückflug mitnehmen konnten. Das war eine sehr prekäre Situation für unser Land. Mein Vater, der seit 1932 Vorsteher der Gemeinde Mauren war, wurde kurz darauf zu einer Krisensitzung zur Regierung in Vaduz eingeladen. Dort war auch eine Delegation des Schweizer Militärs. Sie erklärten uns, dass die Festungen Sargans und St. Luzi­steig im Ernstfall Liechtenstein beschiessen würden, da sich das Land unmittelbar im Schussgebiet befinde. Sollte es zu einem Angriff kommen, gäbe es keine Chance, in die Schweiz zu flüchten, da das Militär auch die Brücken über den Rhein sprengen würde. Das heisst, dass wir «zemmapacka und verschwinda» hätten müssen. Unser Rückzugsort wäre das Malbun gewesen. Die Vorsteher mussten diese Nachricht an ihre Gemeinde überbringen. Jede Gemeinde musste zudem für ihre Viertel – in Mauren zum Beispiel der Weiherring oder Binza – einen Mann bestimmen, der im Ernstfall nachprüfte, ob auch jeder Hof sein Vieh freigelassen hatte. Das bereitete einem natürlich schon gewisse Sorgen.

Haben Sie selbst ebenfalls Sicherheitsvorkehrungen getroffen?

Wir mussten verdunkeln, damit uns die Bomber in der Nacht nicht ausmachen konnten. Fast jede Nacht zogen Bomberformationen über uns hinweg. Das hat richtig gewummert und in Feldkirch haben die Sirenen losgeheult. Wir hörten das natürlich sehr gut.

«Wir mussten verdunkeln, damit uns die Bomber in der Nacht nicht ausmachen konnten.»

Wie wirkte sich diese Bedrohung auf das tägliche Leben aus?

Gewisse Dinge waren auf einmal anders als gewohnt. Ich denke dabei zum Beispiel an die Bittwochen. Am 1. Mai pilgerten immer alle gemeinsam nach Schaan. Von jedem Haushalt war mindestens eine Person dabei. Nach der Messe gingen alle ins Gasthaus Linde. Wir Kinder erhielten ein paar Rappen. Damit haben wir uns in der Bäckerei nebenan meistens ein Brötchen oder etwas ähnliches gekauft. Anschliessend zogen alle gemeinsam wieder nach Mauren. Nicht aber während des Krieges. Da war es einmal so, dass die Prozession zwar nach Schaan führte, allerdings nicht mehr zurück. Es hiess, es sei zu gefährlich. Denn wenn Flieger gekommen wären, hätte es durchaus zu Verwechslungen kommen können, wenn sie aus der Luft eine grosse Menschenmenge marschieren sahen. Deswegen sind wir dann alle einzeln zurück nach Hause gegangen. Man merkte, dass eine gewisse Anspannung in der Luft lag.

Wie erlebten Sie das Kriegsende im Mai 1945?

Mir ist besonders geblieben, dass kurz vor Ende des Krieges die Russen in Schellenberg über die Grenze kamen. Etwa gegen 23 Uhr klingelte beim Vorsteher, also bei uns, das Telefon. Im Telefonat hiess es, dass wir einen Wagen mit Stroh bereithalten müssen. Eine Lastwagenladung voller Russen sollte nämlich im alten Vereinshaus untergebracht werden. Mein Vater bat mich darum, das Stroh vorzubereiten. Anschliessend wartete ich, bis der Lastwagen kam. Der Kommandant stieg aus und befahl den Soldaten auf Russisch, vom Lastwagen abzusteigen. Prompt sprangen die Männer nacheinander ab, packten ein Bündel Stroh und gingen nach oben. Die Russen blieben etwa ein halbes Jahr dort einquartiert, bevor sie dann ins Hauptlager nach Ruggell kamen.

Bei Kriegsende kamen ja nicht nur die Russen, sondern auch unzählige zivile Flüchtlinge. Haben Sie vom Andrang an der Grenze in Schaanwald auch Wind bekommen?

Ja natürlich. Jeden Tag fuhr ich mit Pferd und Wagen zum Grenzübergang und brachte Lebensmittel oder manchmal auch Decken. Die Flüchtlinge waren ja auf Waren jeglicher Art angewiesen. Fürstin Gina stand damals für das Rote Kreuz vor Ort im Einsatz. Ich weiss noch, dass sie ein Kopftuch trug und kräftig mit anpackte. Dennoch liess die Grenzwache nicht jeden ins Land. Jeder wurde kontrolliert und viele wieder abgewiesen. Es liess mich schon nicht kalt, wenn wieder jemand umkehren musste.

Wie sahen die ersten Jahre nach dem Krieg aus?

Es dauerte ein wenig, bis sich alles wieder von den Kriegsjahren erholt hatte. Vor allem, weil die sogenannte «Anbauschlacht» noch etwa drei bis vier Jahre über den Krieg hinaus andauerte. Landwirtschaftlich waren wir ja an die Schweiz gebunden. So mussten wir auch das anpflanzen, was man uns vorschrieb. Eigens dafür war ein Schweizer, Hans Hofer aus Bern, bei uns, der den Anbau leitete. Wir pflanzten an, was ging: Kartoffeln, Getreide und so weiter. Damals gab es ja noch die Lebensmittelmarken. Wer keine Marken hatte, bekam auch nichts. Aber nicht nur die Lebensmittel, auch das Benzin war rationiert. Wer Marken hatte, konnte mit einer Kanne vorbeigehen und durfte ein paar Liter mitnehmen. Ich persönlich erinnere mich auch noch daran, dass ich meinen Fahrradreifen auch selbst flicken musste, denn Neureifen waren ebenfalls Mangelware.

Im Jahre 1947 heiratete Anton Meier Olga Marock, die ebenfalls aus Mauren stam­mte. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor.

Und anschliessend ging es mit der Wirtschaft aufwärts?

So ist es. Als sich die Wirtschaft zu entwickeln begann, verdienten alle zum ersten Mal etwas Geld – auch wir als Bauern. Denn wir konnten einen Teil unserer Produkte verkaufen. Vor allem, als wir dann Gemüse für die Scana (heute Hilcona) in Schaan anpflanzten. Unser Angebot reichte von Kohl bis zu Konservengemüse wie Karotten und Spinat. Dadurch ging es einem im Lauf der Zeit immer besser. Man muss bedenken, dass ich in meinen jungen Jahren noch mit einem Kuh- und Ochsengespann gefahren bin. Später hatte ich bereits ein Gespann mit einem Pferd. 1950 kaufte ich mir dann meinen ersten Fabriktraktor. Das war ein Fendt. Nun kamen auch modernere Geräte für die Landwirtschaft auf und auch die Hydraulik erleichterte alles. Generell wuchs die Wirtschaft ständig weiter. Nach und nach entwickelten sich Grossbetriebe wie die Hilti oder die Hoval. Dadurch gab es immer mehr Arbeitsplätze. Heute mischen wir wirtschaftlich ganz vorne mit.

Waren Sie denn Ihr Leben lang Landwirt?

Ja. Früher gab es ohnehin keine grosse Auswahl an Lehren. Von meinen Freunden absolvierte zum Beispiel auch keiner eine Lehrausbildung. Aber was hätte man auch lernen wollen? Da gab es nur Schmied, Wagner, Schlosser, Schuhmacher oder vielleicht noch Sattler. Mehr Möglichkeiten gab es nicht.

Was fesselte Sie so an der Landwirtschaft, dass Sie selbst später nicht noch eine andere Tätigkeit gewählt haben?

Schon als Kind verbrachte ich meine Zeit am liebsten im Riet. Ich ging auch nie gerne ins Kinderheim. Wohlgemerkt war das damals auch noch keine Pflicht. Wer gekommen ist, ist gekommen und wer nicht, der eben nicht. Im Riet konnte ich wenigstens «dreckla» und bin in das Ganze hineingewachsen. Heute ist die Landwirtschaft natürlich ganz anders als noch zu meinen Zeiten. Wenn ich nun beispielsweise den neuen Landwirtschaftsbetrieb meines Enkels betrachte, dann haben wir nun computergesteuerte Fütterung für rund 300 Tiere.

Anton «Toni» Meier unterwegs auf zwei Rädern.

Nutzen Sie selbst auch moderne Technologie im Alltag?

Als ich 90 Jahre alt war, haben mir meine Jungen zu Weihnachten ein Tablet geschenkt. Dieses benutze ich täglich. Ich sehe mir die Wetterprognosen an und lese hin und wieder Artikel im Netz. Zum Beispiel weiss ich über das Weltwirtschaftsforum in Davos bestens Bescheid, auch dass Donald Trump wieder daran teilnahm. Aber nicht nur Neuigkeiten lese ich, sondern ich bin auch besser mit allen verbunden. Erst vor Kurzem zum Beispiel war mein kleines Fahrzeug im Service, mit dem ich immer durchs Dorf fahre. Über mein Tablet haben sie mich benachrichtigt, um welche Uhrzeit sie mir das Fahrzeug wieder zurückbringen werden.

Wie nehmen Sie denn die aktuellen Themen in der Welt wahr?

Beispielsweise den Klimawandel. Ich halte das Ganze für ein Riesentheater. Der Mensch kann das Klima weder machen noch steuern, noch verändern. Das ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen. Irgendwann kann sich das Klima meiner Meinung nach wieder drehen. Somit gibt es bestimmt auch wieder einmal einen Winter, der viel Schnee und Kälte bringt. Das kann aber noch Jahre dauern. Beeinflussen können wir das aber nicht. Sollte der Klimawandel aber tatsächlich von Menschenhand gemacht sein, wäre ich der Meinung, dass der ganze Flugverkehr abgeschafft werden sollte. Alleine in Zürich starten und landen im Minutentakt Flugzeuge. Das kann nicht gut für die Umwelt sein.

Und die Angst vor einem neuen Weltkrieg?

Ausgeschlossen ist das auf keinen Fall. Kriege gab es schon immer. Das habe ich bereits in der Schule gelernt. Die Welt ist heute sehr klein geworden. Jeder ist überall und schnell erreichbar. Das heisst, dass nur ein kleiner Fehler ausreichen kann, um einen neuen Krieg auszulösen. Ich glaube aber nicht, dass ein solcher hier in ­Mitteleuropa ausbrechen würde, sondern eher im Nahen Osten. Dieser ist derzeit ein Pulverfass. Aber ich möchte hier keinerlei ­Behauptungen aufstellen.

Gibt es etwas aus Ihren jungen Jahren, dass Ihnen fehlt?

Nicht unbedingt. Mit der Zeit habe ich mich eben in die Moderne eingelebt. Ich würde nicht sagen, dass das ein Fehler war. Wie gesagt, ist heute einfach alles anders. Man muss im Leben das nehmen, was man bekommt.

Wenn Sie also die Wahl hätten, nochmals 1920 geboren zu werden oder 2020, wie würden Sie sich entscheiden?

Die Lebensqualität ist heute um Welten besser als damals. Man hat mehr Geld und ist viel beweglicher. Heute muss man aber anders denken. Als Landwirt zum Beispiel hat man heute viel mehr Aufgaben. Früher war man am Ende des Tages einfach nur müde. Heute hat jeder einen Kopf voller Dinge. Ein Bauer kann nämlich nicht nur mehr ein Bauer sein. Vielmehr muss heute jeder auch kaufmännische Erfahrung haben. Auch müssen sich Bauern heutzutage in der Mechanik auskennen, denn die Maschinen und Geräte brauchen hin und wieder eine Wartung. Damals und heute kann man einfach nicht miteinander vergleichen. Und letzten Endes kann ich die Dinge ja sowieso nicht ändern. Sie sind so, wie sie sind.

«Arbeit bringt niemanden um», sagt Meier immer. Er geht mit bestem Beispiel voran und arbeitete, bis er 85 war.

Haben Sie noch ein grosses Ziel, dass Sie erreichen wollen?

Nein. Ich bin mit dem zufrieden, was ich in meinem Leben erreicht habe.

Wie sieht denn heute ein nor­maler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Jeden Tag komme ich für ein paar Stunden ins Riet. Hier auf dem Bauernhof habe ich meine kleine Hütte. Hin und wieder gehe ich etwas spazieren. Im Sommer ­fahre ich mit meinem Fahrzeug «querfeldein». Dann sehe ich den Jungen bei der Arbeit zu. Ab und zu mische ich mich in ihr Werk ein. Ich kann es halt doch nicht lassen. Aber ich glaube, sie nehmen mich dann nicht immer so ernst. Das ist ja verständlich.

Wie lange haben Sie selbst gearbeitet?

Mit etwa 85 habe ich mich dazu entschieden, kürzerzutreten. Ich sage immer: «Arbeit bringt niemanden um.» Wenn man arbeitet, kommt man wenigstens nicht auf dumme Gedanken.

Was geben Sie den Jungen mit auf den Weg?

Den Jungen etwas beizubringen, ist heutzutage eine Kunst. Besonders meinem Enkel, der einen Landwirtschaftsbetrieb hat, lege ich ans Herz, immer mit viel Fleiss und Einsatz hinter seiner Arbeit zu stehen. Anders geht es nicht. Allen anderen rate ich: Wirtschaften und sparen muss man heute noch. Das ist das Wichtigste.

(wm)

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