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Ali Amini hat erfolgreich die Lehre als Montage-Elektriker abgeschlossen. Ali Amini mit Berufsausbildner Rainer Schädler in der Lehrwerkstatt der Firma Risch Elektro Telecom Anstalt in Triesen. (Foto: Günther Meier)
Vermischtes
Liechtenstein|23.10.2020

Flucht von Pakistan nach Liechtenstein

Er hat kürzlich seine Lehre als Montage-Elektriker mit Erfolg abgeschlossen. Sein Lehrbetrieb, die Firma Risch Elektro Telecom Anstalt in Triesen, ist sehr zufrieden mit seinen Leistungen und bestärkte ihn in seinem Wunsch, nach den Sommerferien eine Zusatzlehre zum Elektroinstallateur zu beginnen.

Ali Amini hat erfolgreich die Lehre als Montage-Elektriker abgeschlossen. Ali Amini mit Berufsausbildner Rainer Schädler in der Lehrwerkstatt der Firma Risch Elektro Telecom Anstalt in Triesen. (Foto: Günther Meier)

Er hat kürzlich seine Lehre als Montage-Elektriker mit Erfolg abgeschlossen. Sein Lehrbetrieb, die Firma Risch Elektro Telecom Anstalt in Triesen, ist sehr zufrieden mit seinen Leistungen und bestärkte ihn in seinem Wunsch, nach den Sommerferien eine Zusatzlehre zum Elektroinstallateur zu beginnen.

Er, das ist Ali Amini, der im Jahr 2015 als Flüchtling nach Liechtenstein gekommen ist, allein und nach einer abenteuerlichen Flucht vor Terror und Anschlägen in Pakistan. Ali Aminis Familie gehört der Ethnie der Hazara an. Ursprünglich war Afghanistan die Heimat der Hazara. Unterdrückung durch die herrschenden Mehrheiten veranlassten viele Hazara seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Auswanderung in Nachbarländer, aber auch nach Australien, Amerika oder Europa. Ali Amini wuchs in Pakistan auf, in der Stadt Quetta, und erlebte dort verschiedene Terroranschläge mit vielen Toten. «Ich war mit meinem Cricket Team auf dem Hazara Town Sportplatz», schildert er einen dieser Anschläge, «welcher zwischen der Quetta Hauptstrasse und dem Hazara Friedhof liegt. Kurz vor 19 Uhr hörte ich plötzlich, wie direkt vor uns mit Waffen geschossen wurde. Ich schaute nicht mehr nach links oder rechts, sondern rannte einfach Richtung Friedhof und versteckte mich.» Nach zwei Selbstmord-Attentaten mit zahlreichen Opfern, die er miterlebte, aber unverletzt blieb, entschied seine Mutter, dass er aus Quetta weg sollte. In der Hazara- Kultur glaube man daran, beschreibt Ali Amini, wenn drei Mal etwas Schreckliches passiert sei, sollte man nicht auf das nächste Mal warten. «Meine Mutter bekam grosse Angst, denn bei mir wäre der nächste Anschlag der ominöse vierte und zugleich mein letzter gewesen.»

Der Weg nach Liechtenstein

Am 12. August 2015 begann die abenteuerliche Flucht des damals Vierzehnjährigen. Ausgerüstet mit pakistanischen Rupees, entsprechend etwa 200 Franken, machte er sich allein auf den Weg. Für die Flucht aus dem gefährlichen Quetta hatte die Mutter einen Schlepper bezahlt, der ihn mit anderen Flüchtlingen nach Iran bringen sollte. In Teheran warteten noch weitere Hazara auf die Weiterreise nach Europa. In langen Autofahrten und zwischendurch in harten Fussmärschen erreichte er die Türkei, die in Autobussen bis zu einer kleinen Hafenstadt gegenüber Griechenland durchquert wurde. Die Insel Lesbos, das Sprungbrett für den Übertritt nach Europa, konnte Ali Amini von dort bereits sehen, aber ebenso miterleben, wie die Polizei immer wieder Boote vor der Überfahrt abschleppte. In der Nacht, im Schutz der Dunkelheit, aber bei heftigem Regen und starkem Wellengang, erreichte er in einem voll beladenen Schlauchboot die griechische In-sel. Einen ersten Lichtblick ergab sich, allerdings erst nach einem zwanzigstündigen Fussmarsch, bei der Ankunft in einem griechischen UNO-Flüchtlingscamp. Hier blieb er nur kurz, weil sein Ziel Westeuropa war. Aus dem Camp ging es weiter, abwechselnd zu Fuss, mit Autos, mit der Bahn durch einige Länder von Ex-Jugoslawien: Zusammen mit anderen Flüchtlingen erreichte er endlich eine Flüchtlingsunterkunft in Wien. Weil Hazara-Flüchtlinge beinahe überall auf der Welt verstreut sind, konnte Ali Amini von diesem Netzwerk profitieren. Ursprünglich wollte die Flüchtlingsgruppe nach Schweden weiterreisen, doch die Grenze nach Deutschland war für Flüchtlinge geschlossen worden. Seine Flüchtlingskollegen entschlossen sich zur Weiterreise in die Schweiz, Ali Amini aber blieb in Wien, wo er von einem Kollegen seines Vaters betreut wurde.

Bei Diskussionen, in welches Land er weiterreisen könnte, sei auch der Name Liechtenstein gefallen, erinnert sich Ali Amini. Ohne viel über das Land zu wissen, entschied er sich für Liechtenstein. «Ich kam mit dem Zug am 18. September 2015 in Feldkirch an. Weil es stark regnete, nahm ich ein Taxi bis zur Grenze. Ich hatte noch 100 Euro übrig. Dort wurde ich von der Grenzschutzpolizei aus dem Wagen geholt, weil ich keinen Pass hatte. Ich musste meine Personalien angeben und gab mich als Flüchtling zu erkennen. Nach einer weiteren Befragung wurde ich ins Aufnahmezentrum Vaduz gebracht.» Rückblickend meint er, seine Flucht aus Pakistan sei sehr gefährlich gewesen, aber eine wertvolle Erfahrung für das Leben. Sein Wunsch ist es, einmal mit dem Auto von Liechtenstein nach Griechenland zu fahren, einige Orte des Fluchtweges besuchen.

Ein neues Leben

Die Flucht, die am 12. August 2015 in Pakistan mit unbekanntem Ziel begonnen hatte, ging am 18. September 2015 in Liechtenstein zu Ende. So abwechslungsreich wie der Fluchtweg gestaltete sich seither das Leben von Ali Amini in der neuen Heimat, angefangen beim Erlernen der Sprache bis zum ersten Lehrabschluss als Montage- Elektriker. Dazwischen in den vergangenen fünf Jahren die verschiedenen Stationen eines Flüchtlings, der allein als Minderjähriger um Asyl nachsuchte und inzwischen ohne Betreuer sein Leben selbstständig meistert – und hofft, nach seinem nun fünfjährigen Aufenthalt das Bleiberecht zu erhalten. Für eine Berufsausbildung in der Elektrobranche begeisterte sich Ali Amini während einer Schnupperlehre im 10. Schuljahr. Deutschlehrerin Waltraud Schönenberger empfahl ihm eine Schnupperlehre bei der Firma Risch Elektro Telecom Anstalt, wo ihr Bruder Rainer Schädler für die Lehrlingsausbildung zuständig ist.

Bevor er die Lehre beginnen konnte, waren verschiedene Abklärungen durch den Lehrbetrieb notwendig, beispielsweise ob ein Flüchtling eine Berufslehre absolvieren durfte oder welche Bewilligungen für den Besuch der Berufsschule in der Schweiz notwendig waren. Rainer Schädler erlebte die Zusammenarbeit mit den Behörden, die auch erstmals mit solchen Fragen konfrontiert wurden, als sehr kooperativ. Ebenso hatte er es mit einem wissensdurstigen jungen Berufsmann zu tun, der die Integration in die Gesellschaft und Arbeitswelt hervorragend bewältigte.

Dass Ali Amini, der aus einem fremden Sprach- und Kulturkreis nach Liechtenstein gekommen war, seine Lehrzeit mit Erfolg im beruflichen wie schulischen Bereich abschloss, erfüllt Rainer Schädler mit etwas Stolz. Der Erfolg ist aber nicht nur dem Eifer des Lehrlings zu verdanken, sondern ebenso dem entsprechenden Einsatz von Rainer Schädler und Benedikt Oehry als Ausbildner, sowie der Firma Risch und ihren Mitarbeitern, die für den Flüchtling ihre Türen öffnete und den Weg für die Berufsausbildung vorbereitete. Der Umstand, dass Ali Amini auch die Zusatzausbildung zum Elektroinstallateur bei seiner Lehrfirma absolvieren wird, spricht für das beiderseitige Vertrauen, das Lehrbetrieb und Lehrling aufgebaut haben. «Manchmal kann ich es fast nicht fassen, dass ich mich hier frei bewegen kann und ohne Angst irgendwo hingehen kann», umschreibt Ali Amini seine Situation, die für liechtensteinische Jugendliche völlig normal ist. Wie das Leben fern der Heimat und seiner Familie allein gemeistert werden kann, hat er bewiesen. Sein Status ist noch «vorläufig aufgenommen», weil ein Asylantrag abgewiesen wurde.

Nachdem er inzwischen fünf Jahre in Liechtenstein gelebt hat, kann er nun den Antrag auf eine B-Bewilligung stellen. «Ich hoffe sehr, dass ich die Bewilligung bekomme», sagt Ali Amini und fügt hinzu: «Dann bin ich sicher, dass ich in Liechtenstein bleiben kann und nicht mehr in Angst und Unterdrückung leben muss.»

(gm)

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