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Liechtenstein|27.08.2021

Archäologie: Der grosse Teil der Arbeit wartet hinter den Kulissen

Die Sicherung historischer Fundstücke an einer Grabungsstätte ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn sie landen nicht gleich in der archäologischen Sammlung, sondern müssen erst noch konserviert und untersucht werden. Volksblatt.li sprach mit den Spezialis tinnen.

Die Sicherung historischer Fundstücke an einer Grabungsstätte ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn sie landen nicht gleich in der archäologischen Sammlung, sondern müssen erst noch konserviert und untersucht werden. Volksblatt.li sprach mit den Spezialis tinnen.

«Jede archäologische Ausgrabung kommt einer gezielten Zerstörung gleich», sagte der ehemalige Leiter der Archäologie, Hansjörg Frommelt, in einem früheren Interview mit dem «Volksblatt». Nirgendwo sonst sind Fundstücke so gut aufgehoben wie im Boden. Kommt dennoch einmal ein historisches Objekt zutage, ist es Aufgabe der Archäologen, dieses zu sichern und abzutransportieren. Doch das ist noch nicht das Ende der Reise: Bevor sie in der Sammlung landen, müssen sie konserviert und gegebenenfalls restauriert werden. Darum kümmert sich im Amt für Kultur (AKU) Kathrin Wüst.

Hauptaufgabe der Restauratorin ist es, die Fundstücke für die Zukunft «haltbar» zu machen. Immerhin lagen diese über Hunderte, teils Tausende Jahre im Boden. Wenn diese an die Oberfläche kommen, reagieren sie mit dem Sauerstoff und der Feuchtigkeit in der Luft. Bei Eisenobjekten sei es oftmals so, dass man wegen des Rosts erst gar nicht erkennt, worum es sich überhaupt handelt, erklärt Wüst. «Das muss ich ‹lesbar› machen.»

Geduld und Sorgfalt

Doch wie macht man metallische Fundstücke «lesbar»? In der Regel komme ein Mikrosandstrahlgerät zum Einsatz. Dieses vermag es, die Korrosion auf einem Gegenstand Schicht für Schicht abzutragen. Erst danach lassen sich viele Fundstücke einer Kultur oder Epoche zuordnen. Eisenobjekte kommen anschliessend in ein chemisches Bad. Das soll sie vor dem weiteren Zerfall schützen. Immerhin müssen die Funde für die kommenden Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, erhalten bleiben. «Mein Beruf ist eine Mischung aus Handwerk und Chemie», sagt Wüst. «Man darf sicher keine zwei linken Hände haben.» Zudem brauche es Geduld, etwas am Mikrosandstrahlgerät zu bearbeiten oder unter dem Mikroskop zu betrachten. Doch dieser Aufwand lohne sich: «Es ist so schön, zum ersten Mal nach Jahrtausenden wieder Verzierungen auf Objekten zu sehen. Das sind ganz besondere Momente», findet Wüst.

Kathrin Wüst bei der Arbeit als Restauratorin.

Knochen erzählen Geschichte

Handelt es sich hingegen um Funde menschlicher Knochen, ist das Fachwissen von Christine Cooper gefragt. Sie arbeitet als Anthropologin beim AKU. Ihre Arbeit beginnt schon am Fundort, denn oftmals verrät dieser vieles über die Art der Bestattung und Glaubensvorstellungen im Zusammenhang mit dem Tod. Die Untersuchung selbst findet aber erst in den Räumlichkeiten in Triesen statt. Aus den Knochen lassen sich Alter, Geschlecht, Körpergrösse und teils sogar Krankheiten und die Todesursache herauslesen, erklärt Cooper. Das gibt etwa Aufschluss über Lebensbedingungen, Bevölkerungsaufbau, Ernährung oder Gefahren. Inzwischen sei der Stand der Molekularbiologie gar so weit, dass sich verschiedene Krankheitserreger wie etwa Pestbakterien direkt in den Knochen nachweisen lassen. Doch für das geübte Auge gibt schon der Blick von aussen viele Informationen preis. Dies beweist Cooper mit einem Skelett, das beim Besuch des «Volksblatts» gerade auf dem Tisch in ihrem Büro aufgebahrt liegt. Es handelt sich dabei um die Überreste eines Mannes mittleren Alters, der vor etwa 1000 Jahren verstarb. Er war knapp 170 Zentimeter gross. Seine Zähne sind aufgrund seiner Ernährung stark abgeschliffen. Zudem weist er ein paar verheilte Rippenbrüche auf, zeigt aber keine am Skelett erkennbaren Hinweise auf Krankheiten oder Todesursache.

Gesellschaftliche Schlüsse ziehen

Laut Cooper war die Kindersterblichkeit bis ins 20. Jahrhundert sehr hoch. Deshalb werden entsprechend viele Säuglings- und Kinderskelette gefunden. Besonders viele starben während ihres ersten Lebensjahres. «Das lag hauptsächlich an falscher Ernährung und Säuglingspflege », weiss die Anthropologin. Anstatt sie zu stillen, gaben viele Mütter ihren Kindern Most und Mehlbrei. Weiter trugen Infektionskrankheiten und auch die mangelnde Hygiene, die beispielsweise zu Durchfallerkrankungen führte, zur hohen Kindersterblichkeit bei. Diesen waren viele Kleinkinder schlichtweg nicht gewachsen. Fragt sich nun, ob einem die Arbeit dennoch Freude bereiten kann, wenn man täglich mit tragischen Schicksalen zu tun hat? Cooper meint: «Ja, Vergangenheit und Knochen interessieren mich einfach», sagt sie. «Schon im Kindergarten wollte ich Paläontologin werden und Dinosaurierknochen ausgraben. » Dieser Traum habe sie nie losgelassen, und dann kam sie zu einem späteren Zeitpunkt mit der Anthropologie in Berührung.

Christine Cooper bei der Arbeit als Anthropologin.
(mw)

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