Michelle Senn und Andreas Brändle starteten vor einem Jahr mit «Selma» ins Abenteuer. (Fotos: ZVG)
Unterwegs
Region|13.03.2020

Mit «Selma» Richtung Osten

Mit einem umgebauten Bus quer durch die Welt reisen, das wär’s. Die Buchserin Michelle Senn und der Abtwiler Andreas Brändle haben sich das nicht nur gewünscht, sondern auch gemacht. Sie haben «Selma» gekauft, umgebaut und sind zu Dritt ins Abenteuer gestartet. 

Michelle Senn und Andreas Brändle starteten vor einem Jahr mit «Selma» ins Abenteuer. (Fotos: ZVG)

Mit einem umgebauten Bus quer durch die Welt reisen, das wär’s. Die Buchserin Michelle Senn und der Abtwiler Andreas Brändle haben sich das nicht nur gewünscht, sondern auch gemacht. Sie haben «Selma» gekauft, umgebaut und sind zu Dritt ins Abenteuer gestartet. 

«Selma» ist der Bus von Michelle Senn und Andreas Brändle. Früher war «Sie» als Polizeipersonentransporter im Dienst, dann haben die zwei das Büsschen komplett umgebaut und nun durfte «Selma» mit auf eine lange und abenteuerliche Reise. Doch bevor es losging: Der Umbau. Küche, Boden, Tisch und Bank, ein Ofen und auch das Bett wurden eingebaut und das kleine Eigenheim war fertig. Los ging die Reise im März 2019. Das erste Ziel war Österreich. Tonnenweise Schnee und somit auch die erste Möglichkeit für Skitouren. Im nächsten Land, in Tschechien, wartete nicht nur eine Freundin, sondern einiges, das es zu entdecken galt. Sie fanden Unterschlupf bei ihrer Freundin Verena Keller. Diese reiste auch ein paar Tage mit und hatte das Vergnügen, «Selma» kennenzulernen.

Ostern mal anders

Im Osten ist vor allem Wodka das Getränk schlechthin. In diesen Genuss kamen Senn und Brändle nicht nur einmal. Sie feierten auf eine etwas andere Art Ostern mit polnischen Freunden. Ein Osterkorb für die Kirche, eine typischpolnische Suppe namens «Zurek» und natürlich viel Pastete und Wurst. Doch etwas, das auch in Polen nicht fehlte, war das «Eiertütschen». Die meisten Leute wählen für Ferien oder eine längere Reise Länder wie Spanien, Griechenland oder die USA. Sie aber wollten den Osten bereisen und Länder entdecken, von denen man nicht so viel hört, wie Michelle Senn erzählt: «Mit einem Fahrzeug ist man schon eher beschränkt, weil man ansonsten auf Schiffe angewiesen ist. Zudem haben wir beide diese Ecken noch nicht bereist. Wir haben schon davon gehört, aber nie gewusst, wie die Hauptstädte sind, welche Menschen dort leben und wollten einfach die unbekannten Länder erleben.» Somit hatten die beiden auch keinen konkreten Plan, sondern wollten einfach in den Osten, so weit wie sie «Selma» brachte. Auch haben sich mal die Reisepläne geändert, ein Land kam dazu, dafür fiel ein anderes weg.

Weiter ging es in die Ukraine. Die Fahrt wurde für den Ostermontag geplant, denn an diesem Tag hofften sie auf kurze Wartezeiten. Kaum über der Grenze, war keine Menschenseele mehr zu sehen. Nächster Stop: Ein Campingplatz! Davon gebe es in der Ukraine nur zwei. Nach einem Aufenthalt und vielen Erkundungstouren stand die Weiterreise nach Georgien an. Hier trafen die beiden Tiere en masse. Ob auf der Strasse oder den Weiden: Schafe, Pferde, Kühe aber auch Hühner sah man überall.

Zu zweit in einem Bus über Berg und Tal – bei uns kein Ding. Denken wir doch meist, in Osteuropa ist man nicht sicher, erlebten die beiden Reisenden das Gegenteil: «Wir haben uns in den europäischen Ländern unsicher gefühlt, aber vielleicht, weil wir das Wildcampen nicht gewohnt sind. Doch ab Georgien muss man keine Angst mehr haben.» All die Märchengeschichten, die bei uns erzählt werden, von wegen Gas ins Auto lassen und weitere Storys, kennt man im Osten gar nicht. «Die haben gar keine Möglichkeit, um solche Sachen zu machen und das würde ihnen auch nicht in den Sinn kommen. Ausserdem wäre die Bestrafung in diesen Ländern sehr hoch», erzählt Senn. Einmal hatte sie aber wirklich Angst: «Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als wir in Polen neben einem vermeintlich leeren Haus geschlafen haben. Als mitten in der Nacht ein Licht anging, wusste ich, dort lebt doch jemand.» Ansonsten müsse man aber keine Angst haben. Der Osten sei nicht so schlimm, wie man immer höre.

«Selma» brachte die beiden Reise­begei­sterten quer durch zwei ­Kontinente, in Japan hatTE «Selma» eine Pause.

Russland – viel Schnee und Einreiseprobleme

Bald schon standen Senn und Brändle mit «Selma» vor der russischen Grenze und es brauchte mehrere Anläufe, bis die Einreise funktionierte, wie Senn erzählt: «Die Visabeschaffung war nicht immer ganz einfach und meist ein Kampf. In Russland mussten wir drei Mal einreisen, bis alles in Ordnung war. Wir sind in der Schweiz einfach privilegiert – wie einfach wir es haben.» Doch dann, als sie endlich mit «Selma» durch Russland scheppern konnten, ging es auch da mit Eindrücken weiter: «Wir sind den Bergen entlang gereist und haben in Russland den Elbrus bestiegen. Das ist schon ein anderes Bergerlebnis als in der Schweiz. Alles ist unbekannt und man hat niemals diese Infrastruktur wie in der Schweiz, also muss man auch gut vorbereitet sein.»

Auf Bergtouren in Ländern wie Russland sei man meist auf sich alleine gestellt, denn es gibt fast keine Menschen. Alles sei wilder und verlassener. Schnell merkten die beiden, dass sie eher für den Schnee als für das extrem heisse Wetter gemacht sind. «47 Grad. Das war extrem. Da in unserem Bus die Klimaanlage ausfiel, war es umso schlimmer. Wir sind sehr aktive Menschen, doch da kannst du nur noch im Schatten liegen, doch wir haben es durchgestanden», erzählt Senn. Obwohl beide gerade bei der Hitze an ihre Grenzen kamen, lief es zwischen ihnen immer ziemlich gut, sagt Senn: «Wir haben bis jetzt als Team gut funktioniert. Das muss man aber auch, denn man sitzt die ganze Zeit aufeinander und das mit wenig Raum. Aber logisch, es gab auch mal die eine oder andere Diskussion.» Diese gab es aber, wenn es um die Reiseplanung ging und die beiden Entscheidungen treffen mussten: «Wo kann man schlafen, was unternehmen wir und so weiter. Das muss man alles gemeinsam entscheiden. Wenn wir gemerkt haben, dass der andere nicht so gut drauf ist, haben wir einander in Ruhe gelassen.»

Immer dabei waren die Skier, kein Berg war vor ihnen sicher.

Die unbekannten Stan-Länder

Nach viel Abenteuer in Russland ging es weiter in die sogenannten Stan-Länder: Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan. Diese waren das, was für Senn und Brändle einer Märchenwelt ähnelte: «Wir haben nichts darüber gewusst und es war für uns wie in ‹Tausend und eine Nacht›. Kulturelle Schätze und eine Reise in die Geschichte. In Europa weiss man fast nichts über die Länder. Wir waren beeindruckt.» In Kirgistan haben die beiden für einmal nicht in «Selma» übernachtet, sondern es sich in einer sogenannten Jurte bequem gemacht. Das sind traditionelle Zelte der Nomaden in Zentralasien. Doch beeindruckend sei nicht nur das Zuhause, sondern auch wie die Menschen leben: «Die machen da alles selbst und im Winter wird es bis zu minus 20 Grad kalt. Da wird dann nicht nur mit Holz, sondern auch mit Kuhfladen geheizt.» Laut Senn und Brändle führen die Menschen da ein einfaches Leben. Meist gehe es darum zu überlegen, wie man die nächsten zwei Monate überlebt und was man esse. Und auch müsse immer dafür gesorgt sein, dass genügend Kuhfladen fürs Feuer bereitstehen.

Nächster Halt war Japan: «Selma» durfte nun ruhen und die beiden Reisenden stiegen ins Flugzeug nach Australien. Da kam das erste grosse Problem auf die beiden zu: «Wir haben ein Auto gekauft und das ist uns die ganze Zeit abgelegen. Zudem waren wir inmitten der Buschbrände, kamen da aber sicher raus und konnten auch die Probleme am Auto lösen. In Perth haben wir das Auto dann weiterverkauft.» Solche Zwischenfälle seien mühsam, doch irgendwie gehe es immer. Und so haben die beiden auch gemerkt, dass Reisen nicht wie Ferien ist, denn eine gute Planung sei das A und O. «Wohin geht es als Nächstes? Wo können wir essen? Wo schlafen? Wann können wir wieder Wäsche waschen oder auch mal wieder warm duschen?» Dies sei zwar anstrengend, aber so eine Reise gebe einem extrem viel zurück. Zudem haben sie sich nicht nur gegenseitig besser kennengelernt, sondern seien auch gegenüber der Welt offener geworden. Davon könne auch die Schweiz noch einges lernen: «Wir sind immer noch oft ‹bünzlig› und sollten mehr Gastfreundschaft zeigen. Wir haben uns vorgenommen, über unseren Garten hinausschauen, sobald wir zu Hause sind.»

Zurück in den Alltag

Ende März oder Anfang April wollen die beiden mit «Selma» wieder zu Hause sein. Dann gehe es schon bald zurück in den normalen Alltag. Andreas habe bereits einen Job gefunden und auch Michelle sucht sich wieder eine Arbeit. Und solange noch keine Wohnung gefunden sei, wird «Selma» ihnen auch in St.Gallen ein gutes Zuhause sein. «Sie» bleibe bei ihnen und werde nicht verkauft.

Die beiden Reisenden Michelle Senn und Andreas Brändle haben in einem Reiseblog alles dokumentiert. Fotos sowie Berichte könnt ihr hier nachlesen. 

(um)

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