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Crime
Region|14.02.2020 (Aktualisiert am 12.03.20 10:23)

Lebenslang – Interview mit einem Mörder

Das Urteil wurde Ende 2019 gefällt: Thomas erhält lebenslänglich wegen Mord. Ich habe bei dem Zürcher Häftling nachgehakt. Was ich mitgenommen habe, hat mich ­beängstigt.

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Das Urteil wurde Ende 2019 gefällt: Thomas erhält lebenslänglich wegen Mord. Ich habe bei dem Zürcher Häftling nachgehakt. Was ich mitgenommen habe, hat mich ­beängstigt.

Ein persönlicher Kontakt mit Thomas war für dieses Interview nicht möglich. Immerhin konnte ich mit dem erstinstanzlich verurteilten Mörder einige Telefongespräche führen, auch wenn der Gefängnisinsasse meist nur über wenige Minuten Zeit zum Telefonieren verfügte. Bereits beim ersten Telefonat stellte ich klar, dass mich keine Falldetails interessieren, erst recht durch den Umstand, dass das Urteil bislang noch nicht rechtskräftig ist. Was mich als einziges interessiert hat, war die Frage: Hat ein zu lebenslanger Haft verurteilter Täter noch Perspektiven oder lässt er sich fallen? Auf die Frage, was bei der Urteilsverkündung im Innern des Täters vorginge, teilte mir Thomas Folgendes mit: «Schon vom ersten Wort an, als der Richter zu sprechen begann, bekam ich Hühnerhaut. Man redet sich in der Zeit vor der Verhandlung ein, man würde mit alldem, was folgt, klarkommen. Doch wie sehr man sich auch zu beherrschen versucht, im Innern ist viel los. Den Gefühlen und Schuldgefühlen unterliegt auch ein Mörder. Nur können es einige besser verstecken als andere.» Thomas wurde während der Strafuntersuchung im Auftrag der Staatsanwaltschaft von einem landesweit bekannten Psychiater begutachtet, der beim Täter am Ende keine ernsthaften psychischen Störungen diagnostizieren konnte, woraus vor Gericht schlussendlich resultierte, dass keine therapeutischen Massnahmen für die Haft angeordnet wurden. Man könnte nun meinen, der Täter sollte über diese Diagnose erfreut sein, doch bedeutet ein gesunder psychischer Zustand auch eine verminderte Chance auf Strafmilderung. So mancher Häftling würde sich nun bei mir wütend über den Gutachter auslassen, doch Thomas sieht es rational und erstaunlich fair: «Der Gutachter hat sehr sauber gearbeitet und ich kann keine Mängel im Gutachten feststellen. Dass ich eine hohe Strafe verdiene, ist richtig. Was ich getan habe, ist schrecklich.» Eine Aussage, die man nur selten von einem Verurteilen zu hören bekommt. Denn viele wehren sich mit Händen und Füssen, verfallen in Ausflüchte und Lügengeschichten, wobei sie sich ihr eigenes juristisches Grab mit jedem Wort um eine Schaufelbreite erweitern. Erschreckend an Thomas, Diagnose ist für mich einmal mehr die Erkenntnis, dass auch psychisch nicht kranke Menschen einen Mord begehen können. «Mörder sein» ist keine genetische Veranlagung und es ist keine Krankheit. Es ist eine Handlung, die anscheinend auch von geistig gesunden Menschen ausgeführt wird. Beängstigend. Was mich in einem weiteren Telefonat verunsichert hat, war folgende Aussage: «Für mich ist das erstinstanzliche Urteil in Ordnung. Daher wollte ich nicht in Revision gehen, doch nun werde ich es wahrscheinlich doch, ohne das Strafmass in Angriff zu nehmen.» Dies erschien mir als Widerspruch und doch verblüffte mich auch hier die darauffolgende Begründung: «Nach der ersten Gerichtsverhandlung durfte ich zum ersten Mal mit meiner Familie und meinen Freunden über den Fall reden. Dabei gestand ich, nicht ganz die Wahrheit gesagt zu haben: Ich hatte einen Mittäter sehr intensiv in Schutz genommen.» Bei mir als Crime-Journalist kam der Gedanke auf: Achtung, da will nun einer die Schuld verschieben! Doch auch dieser Gedanke entpuppte sich als falsch. «Mir geht es nicht darum, meine Strafe zu verringern. Mir geht es darum, dass am Ende im zweiten Urteil auch die Wahrheit steht und dass ein bislang im Schatten verweilender Beteiligter in der gleichen oder zumindest in einer ähnlich hohen Intensität büssen soll.» Auf die Frage, ob man noch Perspektiven hat, folgte ein Moment der Stille. «Perspektiven? Die sollte man immer haben. In meinem Fall sollte es die Arbeit an mir selbst sein, denn das, was ich getan habe, gehört nicht in unsere Gesellschaft.» Weise Worte und doch hat Tom einen Mord begangen. Ob er jemals wieder die Chance auf einen Platz in der Gesellschaft erhält, wird sich erst nach vielen Jahren zeigen.

Sascha Michael Campi

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