(Foto: Sascha Michael Campi)
Crime
Region|13.03.2020

Hüseyin Sapkiran – Der etwas andere Sozialarbeiter

Über zehn Jahre lang war Hüseyin bei der Berner Anlaufstelle als Sozialarbeiter tätig. Drogensüchtige und kriminelle Gestalten waren seine Kundschaft, mit uns blickt er auf diese Zeit ­zurück.

(Foto: Sascha Michael Campi)

Über zehn Jahre lang war Hüseyin bei der Berner Anlaufstelle als Sozialarbeiter tätig. Drogensüchtige und kriminelle Gestalten waren seine Kundschaft, mit uns blickt er auf diese Zeit ­zurück.

Hüseyin war bereits als junger Mann eine eindrückliche Erscheinung. Der rund 180 cm grosse und breitschultrige Bodybuilder fällt auf, wo immer er sich befindet. Doch hinter der harten Schale befindet sich nicht nur ein weicher Kern, sondern auch eine sehr empathische Persönlichkeit, die immer wieder gerne über die Menschheit und das Leben philosophiert. Zu seiner Stelle im sozialen Bereich kam Hüseyin durch einen Bekannten, der die Qualitäten seines Gegenübers schon länger erkannt hatte. «Ich begann, ohne Ausbildung als Sozialarbeiter zu arbeiten. Mein Arbeitsort war die Anlaufstelle in Bern, ein Ankerpunkt für suchtkranke Personen, um soziale Beziehungen knüpfen zu können, und eine Stätte für die staatlich kontrollierte Spritzenabgabe.» Hüseyins breite Schultern verhalfen ihm bei den teils düsteren Gestalten sicher zu einem Vorschuss an Respekt, doch auf die Dauer musste auch er sich mit Kompetenz und Ehrlichkeit beweisen. «Ich gelangte schnell zur Erkenntnis, dass Süchtige krank sind. Und genau so – wie Menschen, die an einer Krankheit leiden – muss man die Süchtigen nicht nur ansehen, sondern auch behandeln.» Hüseyin war bereits in seinen Anfängen die Ruhe selbst. Mit einer typischen Berner Gelassenheit liess er sein Gegenüber ausreden und versuchte, sich während des Zuhörens in die andere Person hineinzuversetzen. «Einige Drogensüchtige, darunter nicht selten auch Kriminelle, warfen mir mal das eine oder andere unschöne Wort an den Kopf. Sauer wurde ich nie, auch wenn es mich sicher verärgerte. Doch gerade das Wissen, dass mein Gegenüber krank ist, liess solche üblen Worte an mir abschmettern.» Bereits nach den ersten Monaten als Sozialarbeiter wurde Hüseyin von den Süchtigen, den Arbeitskollegen und Vorgesetzten gleichermassen geschätzt. «Obschon mir die Arbeit gefiel, so sah ich sie stets als Übergang an. Ein oder zwei Jahre hatte ich mir vorgenommen, auch sämtliche Weiterbildungsangebote hatte ich abgelehnt. Dass ich am Ende über zehn Jahre als Sozialarbeiter tätig sein würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.» Der Grund, weshalb Hüseyin sich am Ende für einen neuen Weg entschied, war laut ihm ein politischer. Die Berner Anlaufstelle war nicht nur für die Süchtigen der Stadt ein beliebter Ort, sondern auch für die Suchtkranken aus den benachbarten Gemeinden. Irgendwann veränderte sich alles rasant. Die Anlaufstelle durfte nur noch Suchtkranke aus der eigenen Stadt betreuen. Viele verloren dadurch ihren sicheren Hafen und wurden ohne eine Alternative im Stich gelassen. Auch die neue Generation von Sozialarbeitern war nicht mehr dieselbe. Es entstand eine Massenabfertigung. Auf das Individuum wurde nicht mehr eingegangen. «Eines Tages äusserte ein neuer Sozialarbeiter in der Teamsitzung zu mir, dass er es nicht gut fände, wenn man in dieser Branche mit so grossen Oberarmen auftreten würde», resümiert Hüseyin mit einem Lächeln. «Daraufhin konnte ich mir den folgenden Spruch nicht unterdrücken: Ob euer Kiffen in den Pausen ein besseres Vorbild ist, das wage ich zu bezweifeln.» Kurz darauf kündigte Hüseyin nach über zehn Jahren seine Arbeit. Heute besitzt Hüseyin sein eigenes Fitness-Studio, das SH Fitness in Bümpliz. «Auch wenn ich nun etwas komplett anderes mache, so bin ich auch heute noch genauso sehr Sozialarbeiter, wie ich es zuvor zehn Jahre lang für die Stadt Bern gewesen bin. Der Vorteil, den ich jedoch heutzutage habe, ist, dass ich mich gerade den jungen Menschen, die vom Weg abzudriften drohen, auf effektive Art widmen kann, indem ich sie mit körperlichem Training in Kontakt bringe. Wir leben in einer sehr schnellen Zeit, in der einem eingeredet wird, dass nur noch Leistung zählt. Zudem werden die Jungen stark verblendet, gerade im Social-Media- Bereich leben die Jungen in einer von Utopie verseuchten Scheinwelt. Ich sehe es als meine Aufgabe, sie mit Training zu fordern und die Momente mit ihnen gleichzeitig für sinnvolle Gespräche zu nutzen, um ihnen damit aufzuzeigen, was wichtig ist: die Realität.» Während Hüseyin bei der Anlaufstelle mit Kranken zu tun hatte, die bereits den Suchtstoffen unterlegen waren und sich bereits aufgegeben hatten, kann er heute auf die jungen Leute Einfluss nehmen und so im einen oder anderen Fall verhindern, dass der junge Mensch nicht dort landet, wo Hüseyin zehn ­Jahre lang tätig war.

Sascha Michael Campi
www.smc-books.ch
smc@smc-books.ch

(smc)

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden

Nächster Artikel
Vermischtes
Region|13.03.2020
Die lange Suche nach einer Skatehalle hat endlich ein Ende
Liechtensteiner Volksblatt AG
© 2017, Alle Rechte vorbehalten.