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Frank Urbaniok trat in den 90er-Jahren für mehr Sicherheit ein, heute droht laut Urbaniok das Rad in Sachen Sicherheitsdenken jedoch zu überdrehen. (Foto: ZVG)
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Region|28.08.2020

Frank Urbaniok – Der Mann hinter dem grossen Namen

Frank Urbaniok gilt seit über zwanzig Jahren als Koryphäe unter den Gutachtern. Mit seiner Arbeit hat er nicht nur den Zürcher Strafvollzug revolutioniert, sondern sich mit seinem Wissen und seiner Forschung über die Schweizer Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht. Von vielen hochgelobt und von einigen verteufelt. Wer ist der Mann hinter dem grossen Namen? Ich wollte es herausfinden.

Frank Urbaniok trat in den 90er-Jahren für mehr Sicherheit ein, heute droht laut Urbaniok das Rad in Sachen Sicherheitsdenken jedoch zu überdrehen. (Foto: ZVG)

Frank Urbaniok gilt seit über zwanzig Jahren als Koryphäe unter den Gutachtern. Mit seiner Arbeit hat er nicht nur den Zürcher Strafvollzug revolutioniert, sondern sich mit seinem Wissen und seiner Forschung über die Schweizer Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht. Von vielen hochgelobt und von einigen verteufelt. Wer ist der Mann hinter dem grossen Namen? Ich wollte es herausfinden.

Im Jahr 1993 brach in der Zürcher Justiz das pure Chaos aus. Ein bestialisches Tötungsdelikt am Zollikerberg versetzte das Schweizer Volk in Rage. Ein Mehrfachvergewaltiger und Mörder hatte nach hundert begleiteten Urlauben für mehrere Tage unbegleitet raus dürfen, wobei er sich an einem neuen Opfer vergriffen hatte. «Wieso wurde dieser Unmensch wieder in die Freiheit zurückgelassen und wer ist dafür verantwortlich?», fragten Frau und Herr Schweizer die Justizbehörde. Es war nicht der erste Täter, der damals rückfällig geworden war, doch es war derjenige, welcher das Fass definitiv zum Überlaufen brachte. Denn nach damaligem Justiz-Usus kamen auch Täter, die zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurden, in der Regel bereits nach fünfzehn Jahren wieder auf freien Fuss, so auch in Fällen, wo der Rückfall vorprogrammiert, respektive vorhersehbar war. Einer, der damals das Problem nicht nur mit all seinen Facetten erkannte, sondern der auch zu handeln begann, indem er eine Lösung bot, war Frank Urbaniok, der zuvor einige Jahre lang in Deutschland eine Modellstation für die Behandlung von persönlichkeitsgestörten Sexualstraftätern (Langenfelder Modell) aufgebaut hatte, wo er den Begriff des «deliktorientierten Arbeitens» prägte. 1995 zog er nach Zürich, wo er neu als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, arbeitete. Urbaniok begann, sich in der Schweiz in die aufgeheizte Diskussion rund um Verwahrung und Therapie einzumischen. 2007 wurde Urbaniok an der Universität Zürich habilitiert und 2010 von der Universität Konstanz zum Honorarprofessor ernannt. 2016 die Schockmeldung: Urbaniok war an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, wodurch er 2018 nach 23 Jahren von seinem Amt als Chefarzt im PPD zurücktreten musste. Vor Kurzem traf ich mich mit Frank Urbaniok am Zürichsee zu einem Erfahrungsaustausch und Interview. Vor mir sass ein hellwacher und energievoll wirkendender Stargutachter. Nur wenige Jahre zuvor prophezeiten ihm die Ärzte eine Überlebenschance von gerade mal fünf Prozent. Doch der Kämpfer Urbaniok überstand mehrere Operationen und eine Chemo nach der anderen und wurde dabei von seiner Frau unterstützt. Mit viel Liebe und Geduld war sie ihm durchgehend beherzt zur Seite gestanden. Nun sass Urbaniok vor mir auf einem Sessel. Nur einige Wochen zuvor knallte bereits der nächste Meteorit in sein Leben. Ein familiärer Verlust, auch das alles andere als leicht. Und doch überraschte mich Urbaniok schon zu Beginn unseres Gesprächs mit seinem Optimismus. «Ich nehme Dinge, wie sie sind. Man muss vorwärtsschauen und weitermachen und nicht dem Vergangenen nachtrauern», so Urbaniok über das Hier und Jetzt. Verändert hätte sich sein Wesen in den letzten Jahren nicht, einzig seine Arbeitsweise und das Alltagstempo hätten sich verändert. Vor seiner Erkrankung führte Urbaniok den grössten forensischen Dienst der Schweiz, ein Job mit wenig Freizeit. Heute arbeitet Urbaniok selbstständig in einem Teilzeitpensum und ist in diesem Sinne unabhängig und frei. «Mein Laptop und ich, so sieht mein Geschäftsmodell aus. Gerade die Freiheit, auch mal einen Auftrag abzulehnen, oder das Tempo variieren zu können, schätze ich besonders. Ich muss viele Anfragen absagen und mache nur noch Dinge, die mir Spass, respektive mich zufrieden machen.» Einer der grössten, aber auch umstrittensten, Erfolge von Urbaniok ist sein eigenes konzipiertes Diagnostiksystem namens «FOTRES». Dieses soll forensischen Psychiatern ermöglichen, anhand von 102 individuell angepassten Risikoeigenschaften ein Abbild des Einzelfalls zu erstellen. Leider gibt es bei FOTRES immer wieder Missverständnisse, da man fälschlicherweise von einem Schubladensystem, gefüllt mit vielen Sta-tistiken, ausgeht, wie man es aus den amerikanischen Krimis und vom FBI her kennt. «Viele sind im Irrglauben, dass FOTRES ein System ist, wie man es von den Versicherungen her kennt. Ein System, das anhand von Statistiken eine Wahrscheinlichkeitsrechnung produziert, welche am Ende eine prognostische Zahl liefert, doch das ist falsch. Solche Instrumente, mit denen man anhand von Statistiken das Rückfallrisiko eines Einzelfalls prognostiziert, gibt es tatsächlich. Sie sind meiner Meinung nach ein rechtstaatliches No-go. FOTRES ist das genaue Gegenteil», verteidigt Urbaniok FOTRES. In Wahrheit zeichnet sich Urbanioks Diagnostik- System gerade durch seine Berechenbarkeit und Transparenz aus. Es gibt kein vergleichbares System, das so offen zu einem Resultat gelangt. Auch Anwälte können die Bewertung jedes einzelnen Merkmals nachprüfen, nur wissen das viele nicht, da sie sich damit nie ernsthaft beschäftigt haben und andere, die es kennen, verschweigen es gerne. Doch wie gut FOTRES auch in der Praxis funktionieren mag, zur Einschätzung der vorhandenen Risikoeigenschaften und zum Erreichen eines repräsentativen Resultats wird der Mensch dahinter benötigt. Wo Menschen sind, passieren auch Fehler und fehlerfrei ist niemand und wird auch die forensische Psychiatrie nie sein. «Als ich mich ab 1995 für ein erhöhtes Sicherheitsdenken und die Revolutionierung des Strafvollzugssystems eingesetzt habe, war das auch bitter nötig. So wie die Praxis damals ablief, so durfte es nicht weiterlaufen. Die Justiz begann sich zu revolutionieren. Sehr vieles hat sich verbessert. Heute sind wir jedoch dabei, von einem Extrem ins andere zu wechseln. Das Rad in Sachen Sicherheitsdenken droht zu überdrehen. Genauso besorgniserregend erscheint mir die Verbürokratisierung in vielen Lebensbereichen und auch im Strafvollzug», so Urbaniok kritisch zur aktuellen Entwicklung.

(Foto: Pixabay)

Laut Martin Vinzens, Gefängnisdirektor der Strafanstalt Saxerriet, wird heutzutage in der forensischen Psychiatrie zu schnell pathologisiert und Diagnosen gestellt, die auf Checklisten und einer schon fast verherrlichten Testgläubigkeit anhängend, sich rein defizitorientiert abstützen. Was sagen Sie dazu?

Ja, das kann ich klar bestätigen. Leider ist heutzutage das Schubladendenken viel zu oft der Fall und das spricht auch oft für die mangelhafte Qualität einiger Gutachten. Gerade Diagnosen wie die «narzisstische Persönlichkeitsstörung » sind traurige Modeerscheinungen in der forensischen Psychiatrie geworden. Sind Sie schick gekleidet, selbstbewusst und fahren einen Sportwagen, so können Sie rasch schon mal voreilig in die Schublade des «Narzissten» eingeordnet werden.

Wenn man glaubt, eine Eigenschaft seines Gegenübers erkannt zu haben, besteht die starke Tendenz, dass man damit beginnt, ihm weitere ähnliche Eigenschaften zuzuordnen, ohne dass es dafür eine Grundlage gibt (Halo-Effekt), kommt so was auch oft bei der Begutachtung von Straftätern vor?

Ja, leider kann dieses Phänomen auch in der forensischen Psychiatrie festgestellt werden und leider passiert das auch nicht wenig.

In der TV-Dokumentation «Gutachter des Bösen» erwähnen Sie überraschenderweise eine Schlägerei, die sich um einen Parkplatz drehte und in die Sie verwickelt waren. Wie kam es dazu?

Zuerst muss ich klarstellen, dass ich jemand bin, der Gewalt vermeidet. Gesunde Aggressionen sind aber etwas anderes und für mich wenn, dann im Sport ein Thema. Zum Beispiel liebe ich es, beim Boxtraining und Fitness an meine Grenzen zu gehen. Bei der Schlägerei um den Parkplatz wurde ich nach dem Einparken grundlos von einem Fremden angegriffen. Ich habe mich zur Wehr gesetzt.

Wie würden Sie wohl mit dieser Aussage, vor einem Ihrer Therapeutenkollegen abschliessen?

Ich bin nicht stolz auf das, was damals geschehen ist. Doch das Recht, sich zu wehren, das sollte ein Mensch immer haben. Jemandem noch die zweite Wange hinhalten, das ist nicht meine Art. Eine körperliche Auseinandersetzung ist aber immer eine Lose-Lose- Situation. Und in meinem Fall hatte ich Glück, denn es hätte auch anders enden können. Ich bin froh, bin ich danach im Leben von solchen Situationen verschont geblieben. Gewalt ist nie eine Lösung.

Sie sind ein «psychisch gesunder » Mensch und doch sind Sie in eine Situation geraten, die durchaus auch in einem Strafverfahren hätte enden können. Können also auch «gesunde» Menschen eine Gewalttat verüben, fern einer psychischen Erkrankung?

Krankheit und Delinquenz sind sowieso zwei verschiedene Phänomene und man kann auch einfach zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Aber viele Täter haben die oben schon erwähnten Risikoeigenschaften, also Persönlichkeitsmerkmale, die Delinquenz wahrscheinlicher machen. Bei schweren Gewalt- oder Sexualstraftaten ist es sehr häufig der Fall, dass solche Risikoeigenschaften stark ausgeprägt sind.

Vor einigen Wochen ist Ihr neues Buch «Darwin schlägt Kant» erschienen. Ein Buch, das vom Stil her an Werke von Richard David Precht und Yoval Noah Harari erinnert. Wie kam es zu diesem Werk?

In jungen Jahren hatte ich zwei Ziele: Entweder wollte ich Psychiater werden oder Geschichte und Philosophie studieren. Beruflich habe ich mich in der Psychiatrie verankert, doch privat verschlinge ich historische und philosophische Bücher, unter anderem auch von den von Ihnen genannten Autoren. Es war mir bereits länger ein Anliegen, selbst ein solches Buch zu schreiben. Durch meine Erkrankung hatte ich Zeit und die wollte ich sinnvoll nutzen. Das Resultat ist ein Buch mit einer Botschaft: Man unterschätzt die Fehlerquellen der menschlichen Vernunft und konzentriert sich zu stark auf Regeln, Theorien und Ideologien. Dabei steckt überall der Faktor Mensch drin – mit all seinen Schwächen.

(smc)

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