Wieser sass im Gefängnis eine Haftstrafe ab. Heute steht er auf Bühnen und will mit seiner Geschichte Jugendliche warnen. (Fotos: ZVG)
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Region|25.09.2020 (Aktualisiert am 29.09.20 17:04)

Zweite Chance verpasst – und dritte vorbildlich genutzt

SCHAAN - Sein Leben ist nicht nur einmal ordentlich aus der Bahn geraten. Gerade erschien seine Autobiografie, mit der er primär anderen Menschen helfen und sie davor bewahren möchte, dieselben Fehler zu begehen, die er selbst begangen hat.

Wieser sass im Gefängnis eine Haftstrafe ab. Heute steht er auf Bühnen und will mit seiner Geschichte Jugendliche warnen. (Fotos: ZVG)

SCHAAN - Sein Leben ist nicht nur einmal ordentlich aus der Bahn geraten. Gerade erschien seine Autobiografie, mit der er primär anderen Menschen helfen und sie davor bewahren möchte, dieselben Fehler zu begehen, die er selbst begangen hat.

«fritig»: Gerade erschien Ihre Autobiografie mit dem vielversprechenden Titel «Zweite Chance verpasst». Darin definieren Sie das Thema «Zeit» neu. Deshalb die Frage: Wie viel Zeit haben Sie für dieses Buch benötigt?

Alexander Wieser: Ich habe während meines Gefängnisaufenthalts angefangen, das Buch zu schreiben, bin aber nie zum Schluss gekommen, vor allem haben mir anschliessend sehr viele davon abgeraten, da es ein schlechtes Bild auf mich werfen würde. Als wäre die Wahrheit eine andere gewesen. Dann habe ich es über 10 Jahre zur Seite gelegt. Die Coronazeit hat mir dann die Auszeit gegeben, um dieses Buch noch mal anzugehen und da war es mithilfe meiner Tochter in zwei Wochen fertig geschrieben.

Für Menschen, die Sie kennen, aber gerade für jene, die Sie erst durch Ihr Buch, welches in 16 spannende Kapitel gegliedert ist, kennenlernen: Ist Ihnen dieser Seelenstriptease leicht gefallen oder haben Sie länger mit sich selber gerungen, bevor Sie «die ganze Wahrheit » kundtun wollten?

Es ist leichter, der Welt die Wahrheit preiszugeben wie einer Mutter in die Augen zu schauen, die dich zum ersten Mal im Gefängnis besuchen kommt. Ich denke, das war schwierig, diesen Blick der Enttäuschung bei einer Mutter zu sehen. Ich stehe zu meinem Leben und bin zudem der Meinung, ich wäre heute nicht der, der ich sein darf, wenn ich nicht diese Vergangenheit hätte.

Sie hatten eine schwierige Kindheit, Sie wurden von Ihrem Vater regelmässig physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt. Haben Sie Ihren «Erzeuger », wie Sie ihn später im Buch nennen, jemals wiedergesehen? Konnten Sie ihm alle seine Taten, auch jene der Bürgschaft, verzeihen?

Ja, ich habe sicher dreimal einen Schritt auf ihn zu gemacht. Aber, er lebt in seiner Welt, er sieht vieles anders, er hat eine eigene Wahrheit. Ich bin auch überzeugt, er glaubt selber seinem Wahrnehmen. Ich habe mit meinem Erzeuger abgeschlossen. Ich habe ihm verziehen, was aber nicht heisst, dass ich jemals sein Tun vergessen habe oder werde.

Offen bleibt auch für den Leser, wie Ihre Mutter reagiert hat, als sie erfuhr, dass Sie inhaftiert wurden und zehn Monate in einem liechtensteinischen Gefängnis absitzen mussten. Wann hat sie davon erfahren und wie war ihre Reaktion?

Ich sehe heute noch ihren Blick, als sie mich das erste Mal im Gefängnis besuchen kam. Ich denke heute noch oft an diesen enttäuschten Blick zurück. Meine Vergangenheit Tausenden Menschen zu erzählen ist für mich nicht so schwer, als die richtigen Worte in diesem Augenblick einer Mutter zu sagen, die ihrem kriminellen Sohn gegenübersteht. Sie hat mich trotzdem nie fallen lassen. Im Gegenteil: Sie stand jetzt noch mehr zu mir. Jahre später hat sie zum Glück noch ein Teil meiner Veränderung miterleben dürfen. Leider ist sie vor fünf Jahren gestorben. Ich denke sehr oft an sie. Sie war einer der wenigen Menschen, die mir immer wieder aufgeholfen haben.

Sie schreiben, dass Sie eine Vielzahl an Straftaten in vier Ländern gemacht haben. Weshalb wurden Sie dann von Österreich nach Liechtenstein überführt und haben dort Ihre Haft abgesessen und nicht in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland?

Ich wurde in der Schweiz festgenommen und anschliessend nach Liechtenstein überführt. Wieso? Weil Liechtenstein einen internationalen Haftbefehl auf meinen Namen ausgeschrieben hat. Also ich wäre an diesem Tag so oder so nicht mehr nach Hause gekommen. Die Schlinge hat sich langsam, aber sicher zugezogen.

Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie in Liechtenstein sind, respektive durchs Ländle fahren?

Komisch, dass Sie mir diese Frage stellen, das hat noch nie jemand gefragt. Aber, es ist echt ein witziges Gefühl. Schon der Zoll ist oft eine Überwindung, aber ich werde wohl meine Vergangenheit nie vergessen.

(Foto: ZVG)

Ihre Lebensgeschichte ist in gewisser Weise auch eine Art Liebesgeschichte à la «Bonnie & Clyde». Sie haben um die Beziehung mit Ihrer Freundin und Kindsmutter wie ein Löwe gekämpft und ihr schliesslich einen besonderen Heiratsantrag gemacht. Möchten Sie davon erzählen?

Sie ist heute noch viel mehr eine Traumfrau, wie sie es zu dieser Zeit war. Ich wollte für eine besondere Frau einen besonderen Antrag machen. Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bei dem Handballspiel als Maskottchen verkleidet vor dem ganzen Publikum inklusive live Staatssender ihr auf Knien einen Antrag gemacht. Zum Glück hat sie «JA» gesagt.

Für viele junge Leser sind bestimmt die Themen Schlägereien und Beschaffungskriminalität von besonderem Interesse. Hatten Sie seit Ihrer Freilassung nie wieder eine Auseinandersetzung mit jemandem, bei dem es zu Handgreiflichkeiten kam?

Ja, diese Möglichkeit ergab sich immer wieder, aber ich muss mir heute nichts mehr beweisen. Ich muss heute nicht wissen, wer der Bessere ist. Es gibt aus meiner Sicht bei einem Krieg oder Kampf keinen Sieger. Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, gibt es immer nur Verlierer, denn jeder Kampf ist einer zu viel.

Welche Erwartungen hegen Sie nun nach Publikation «Ihrer Geschichte»? Haben Sie bereits Rückmeldungen von Lesern erhalten?

Das Feedback bestärkt mich jeden Tag im Tun. Es sind so viele megaschöne und liebe Rückmeldungen. Aber zusammengefasst: Ich bringe die Menschen zum Nachdenken. Und was kann man sich mehr wünschen?

Und welche Ziele haben Sie sich für die nahe Zukunft gesteckt?

Vor Tausenden Menschen auf einer Bühne zu stehen und ihnen ein kleines Stück Menschlichkeit zurückzugeben. Einen Raum zu schenken, nicht perfekt zu sein, und die Zeit zu vergessen.

(bk)

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