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Alice Dornbierer-Gauer lebt mit ihrem Mann in Trübbach, im Elternhaus lebte ihr Bruder, dessen Sohn heute den Hof führt. (Fotos: ZVG)
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Region|18.12.2020

«Wir mussten die Fenster abdunkeln, damit kein Lichtstrahl nach aussen ging»

Vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Heute stecken wir wieder in einer Krise. Und auch heute ist wieder Zusammenhalt gefragt. Die Wartauerin Alice Dornbierer- Gauer kann sich gut an das Grauen von damals erinnern, hat aber auch grossen Respekt vor der heutigen Coronakrise.

Alice Dornbierer-Gauer lebt mit ihrem Mann in Trübbach, im Elternhaus lebte ihr Bruder, dessen Sohn heute den Hof führt. (Fotos: ZVG)

Vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Heute stecken wir wieder in einer Krise. Und auch heute ist wieder Zusammenhalt gefragt. Die Wartauerin Alice Dornbierer- Gauer kann sich gut an das Grauen von damals erinnern, hat aber auch grossen Respekt vor der heutigen Coronakrise.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges grassierte die Krankheit «Scharlach» und traf auch die Gauer- Geschwister. «Meine Schwester Anni hat die Krankheit von der Schule nach Hause gebracht und uns angesteckt. Meine beiden Schwestern und ich waren zu Hause in Quarantäne. Mutter steckte uns drei ins Ehebett, die Eltern schliefen in dieser Zeit in anderen Zimmern. Auch meine Mutter musste zu Hause bleiben und nur noch mein Vater durfte vor die Tür», erzählt Dornbierer-Gauer. Dennoch: die Mädchen waren immer zufrieden. Sieht man sich die alten Fotos an, hat man die Möglichkeit, ein bisschen in jene Zeit abzutauchen. Was bei genauer Betrachtung auffällt, es gibt kein Foto von der ganzen Familie. «Unsere Nachbarin meinte immer, wir sollten mal ein Familienfoto machen. Aber stell dir vor, unsere Eltern hätten mit der ganzen Rasselbande im Zug nach Buchs fahren müssen. Dann hätte sich sicher jeder gefragt, warum denn die ganze Familie Gauer unterwegs ist», schmunzelt Dornbierer-Gauer. Auch bei den Hochzeiten war die Familie nie komplett, jemand musste immer zu Hause bleiben und den Hof hüten.

Emilia "Mil­li" Gauer lebte mit ihren Kindern und Ehemann Christian in Murris und sorgte dort für Hof und Familie. Sie wurde 101 Jahre alt.

Der Zweite Weltkrieg und das Leben in Murris

Zu Kriegszeiten gab es nur das Radio und nur unser Nachbar hatte eines. Von Drittpersonen erfuhren sie, was in der Welt gerade passierte. «Wir hatten damals schon Angst, aber wir konnten eigentlich normal leben», erzählt Dornbierer- Gauer. Brach über dem Wartau aber die Nacht herein, mussten sich alle an eine Regel halten: «Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir abends alles verdunkeln mussten. Alle Familien bekamen schwarze Tücher, mit diesen mussten wird die Fenster abdecken. Es durfte kein einziger Lichtstrahl nach draussen gelangen. » Dies deshalb, damit die Kampfflugzeuge nicht sahen, wo sich die Dörfer befanden. So wurde ja versehentlich Schaffhausen bombardiert. «Für uns war der Krieg schlimm. Mein Vater war sechs Jahre von zu Hause fort und kam nur gelegentlich auf Besuch – wenn schwere Arbeiten anstanden. Meine Mutter war mit vier Mädchen und dem Baby – unserem kleinen Bruder Hansjakob – und dem Hof ganz alleine», erzählt Dornbierer-Gauer. Morgens und abends kam bei der Familie Gauer eine Zeit lang ein Mann vorbei, der die Tiere fütterte und melkte, erinnert sich Dornbierer-Gauer: Nach getaner Arbeit haben wir gemeinsam zu Abend gegessen. Anschliessend setzte er sich auf unser ‹Ofenbänkli› und stopfte seine Pfeife. Wir waren sehr neugierig, setzten uns zu ihm und löcherten ihn mit Fragen.» Der Mann liess es sich nicht nehmen, den Mädchen Geschichten von früher zu erzählen, sagt Dornbierer-Gauer: «Meine Mutter rief dann gleich aus der Küche, er solle uns nicht solche Schauergeschichten erzählen, sonst hätten die Mädchen schlechte Träume. Aber wir sind jedes Mal ohne Probleme eingeschlafen.» Dies heiterte die Familie auf, denn der Vater wachte stets mit dem Militär am Rhein entlang beim Grenzschutz. Auch unser Pferd Fani musste in den Krieg. Für Arbeiten auf dem Feld fehlte es uns sehr und wir mussten eine alte Kuh einspannen », erzählt Dornbierer- Gauer. Andere Familien hatten für diesen Fall einen Ochsen, erinnert sie sich: «Mir war das damals peinlich. Bislang hatten wir unser Pferd, nun waren wir auf die Kuh gekommen.»

Die Schwe­stern Lilli, Alice und Anni Gauer.

Der Befehl, der abgeblasen wurde

Auch im Wartau hiess es, dass die Deutschen näherkommen und sie evakuieren müssten. Der Plan wäre gewesen, in das bündnerische Dorf Waltensburg zu fliehen. «Weil das sehr viele Menschen gewesen wären, mussten wir im voraus Lebensmittel dorthin senden. Mehl, Salz, Kaffee und Mutter backte noch gut haltbares Birnenbrot dazu. Irgendwann hiess es dann aber, die Evakuation sei nicht mehr nötig und abgesagt. Das wäre auch Wahnsinn gewesen, findet Dornbierrer-Gauer: «Stell dir vor, wir hätten zu Fuss diese lange Reise antreten müssen. Meine Mutter hätte viele Kinder und sogar noch einen Kinderwagen dabeigehabt. Wochen später nach der Absage kamen die Lebensmittel zurück. Das Birnenbrot war dann mittlerweile schon etwas trocken », lacht Dornbierer-Gauer. 1945 wurde bekannt, dass der Krieg zu Ende ist. Natürlich wurde darüber auch in der Schule gesprochen: «Wir hatten damals drei Lehrer, die in den Pausen immer zusammenstanden. Irgendwann war mein Lehrer nur noch alleine und die beiden anderen unter sich. Ich fand das komisch und traurig. Dann, viel später habe ich erfahren, dass unser Lehrer ein Sympathisant für die Nazis war und es im Wartau sogar ein grösseres Nest von dieser Gruppe gab», erinnert sich Dornbierer- Gauer. Sie mochte den Lehrer sehr und konnte es nicht wirklich begreifen.

Das Elternhaus von Alice Dornbierer-Gauer unterhalb der Bur­gruine Wartau in Murris.

«Uns ging es gut, wir hatten einfach nicht viel Geld»

«Wir waren immer Selbstversorger und hatten eigentlich alles, aber kein Geld. Die Kleider wurden von Kind zu Kind weitergegeben. Ich war die Drittälteste. Wenn ich die Kleider bekam, waren sie schon etwas dünn», schmunzelt Dornbierer-Gauer. In der 7. Klasse bekam sie ihre ersten eigenen Schuhe. Besser gesagt, kaufte sie sich diese selber im Konsum in Trübbach: «Als ich auf dem Schulweg nach Hause war, sah ich unseren Nachbarsjungen. Er rief mir zu: ‹Alice, hast du neue Schuhe?›. Ich fragte ihn, wie er zu dieser Annahme käme. Er lachte nur: ‹Weil du während des Laufens die ganze Zeit zu deinen Schuhen hinunterschaust›. Ich liebte meine neuen Schuhe.»

Viele Geschenke gab es damals nicht. Aber wenn sie etwas bekamen, hegten und pflegten sie es. «Uns ging es wirklich gut, niemand musste Hunger leiden. Im Herbst haben wir oftmals ein ‹Färli› geschlachtet und da gab es auch eine ‹Metzgete›. Weil es damals noch keine Kühlschränke gab, haben wir die Blut- und Leberwürste im Dorf verteilt. Dafür gab es gerne mal ein Trinkgeld von 10 oder 20 Rappen, das freute uns Mädchen sehr», erzählt Dornbierer- Gauer. Als der Vater endlich wieder zurück daheim war, war die Freude in der Familie gross. Erzählt habe er allerdings nie wirklich vom Krieg: «Ich weiss nur, dass er uns sagte, wenn die Frauen das Essen bringen wollten, riefen sie immer: ‹Halt! Passwort!›. So wussten sie, ob man die Leute in die Nähe lassen durfte oder nicht.» Die Mädchen zu Hause gingen nicht leer aus. Der Vater brachte immer wieder feine Militärschokolade oder «Guetzli» mit nach Hause. Auch damals war Weihnachten ein grosses Thema. Für Alice Dornbierer- Gauer gab es dabei fast nur einen wichtigen Punkt – Weihnachten ohne Christbaum, war für sie nicht denkbar: «Gab es unter uns Geschwistern Streit, sagte meine Mutter: ‹Wenn ihr nicht aufhört, gibt es keinen Christbaum›. «In der Nacht vor Weihnachten kroch ich aus meinem Bett und konnte beruhigt zurück, wenn es im Wohnzimmer glitzerte und funkelte.»

Für uns Mädchen gab es meistens Puppen. Fiel eine zu Boden, brach meistens der Kopf ab, dennoch wünschte sich Dornbierer-Gauer Jahr für Jahr eine Puppe zu Weihnachten. Von Gotta und Götti gab es meist einen Fünfliber und Schokolade. Die Grosseltern mütterlicherseits hatten 44 Enkelkinder. Jedem ein Weihnachtsgeschenk zu machen, war damals einfach nicht möglich. Auch das Essen war in der Adventszeit festlicher als sonst. So gab es zum Beispiel geräuchertes Schweinefleisch vom «Färli» und dazu Kraut und Kartoffeln. Tagtäglich gab es meist nur «Chnöpfli», Ribel und viele Kartoffeln.

Alice und Anni gemeinsam in der Schule.

Nachbarschaftshilfe

Bereits zu Kriegszeiten konnte man sich auf seine Nachbarn verlassen. Dabei sei immer noch Zeit für einen «Schwatz» geblieben. Gleich, ob die Familie Hilfe auf dem Bauernhof oder im Haushalt brauchte, man konnte sich auf die Nachbarn verlassen. Das ist heute anders: «Ich musste viel die Kühe auf der Weide hüten, da wir noch keine elektrischen Zäune hatten. Dem Nachbar ging eine Kuh ab und er rief mir zu, ob ich sie zurückbringen könnte. Dafür bekam ich einen Apfel vom Baum. Die Kuh habe ich zurückgebracht, den Apfel hätte ich mir aber sowieso geholt», zwinkert Dornbierer- Gauer. «Seit der Coronakrise hat die Solidarität unter der Bevölkerung auch wieder zugenommen und die Leute helfen ich gegenseitig. Das ist sehr schön», sagt Dornbierer- Gauer. Vielleicht sei ein Dämpfer für die Menschheit nötig gewesen, damit sie wieder etwas bodenständiger werde und zu schätzen wisse, was sie habe.

Die Nachbarn aus Liechtenstein

Die Liechtensteiner hatten damals schon kein Militär mehr, dennoch mussten auch sie ihr Land vor dem Krieg schützen. Wie genau sich die Liechtensteiner vor dem Krieg schützten, weiss Alice Dornbierer- Gauer nicht mehr genau. Der Fürst lebte ab 1939 in Liechtenstein, sein Volk war sehr arm. In Liechtenstein sowie in der Schweiz gab es die Mahlzeitencoupons, besser bekannt als «Märkli». Der rege Kontakt der Liechtensteiner mit den Rheintalern ist Alice Dornbierer- Gauer noch gut in Erinnerung geblieben: «Eine Familie aus Triesen kam immer zu uns und holte Mostbirnen und Äpfel. Mit dem Holzwagen fuhren sie dann wieder via Trübbach zurück ins Liechtenstein. » Auch in der Kleiderfabrik in Trübbach lernte sie Liechtensteiner kennen, wo sie mit 16 Jahren zu arbeiten begann. Als die Fabrik in eine Krise kam, mussten die beiden Liechtensteinerinnen aus meiner Schicht als Erste gehen. Das tat mir sehr leid, denn ich mochte diese beiden Frauen sehr.»

Der Krieg und Corona

«Ich hatte nie wirklich Angst zu Kriegszeiten, nur abends, wenn ich alleine unterwegs war», sagt Dornbierer-Gauer. Damals sei es Angst gewesen, heute mit Corona habe sie grossen Respekt: «Man liest in den Zeitungen, wie die Leute sterben und das macht betroffen. Wir gehen noch einkaufen, aber tragen immer eine Maske.» Jetzt müsse man sich gemeinsam an die Regeln halten und auf einiges verzichten – beispielsweise auf gemeinsame Weihnachtsfeiern mit der Familie. «Wäre früher der Krieg noch nähergekommen, hätten wir nichts dagegen tun können. Das Virus können wir aber bekämpfen, indem wir so viel als möglich zu Hause bleiben», erklärt Dornbierer-Gauer.

(um)

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