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Crime
Schweiz|25.09.2020 (Aktualisiert am 29.09.20 17:09)

Der Kristallhöhlenmord

OBERRIET - Thomas Benz ermittelt seit über zwei Jahrzenten privat im Fall Kristallhöhlenmord.

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OBERRIET - Thomas Benz ermittelt seit über zwei Jahrzenten privat im Fall Kristallhöhlenmord.

Vor rund einem Jahr kontaktierte er mich und bat mich um Mithilfe bei seinen Recherchen, wobei er mit der Idee spielte, sein gesammeltes Wissen über den Fall in einem Buch niederzuschreiben. Ich willigte ein und innert kürzester Zeit lernte ich Politiker, Ermittler, Profiler, Privatpersonen, Zeugen und Buchautoren kennen, die sich mit diesem Rheintaler Kriminalfall befasst haben. Im Verlauf meiner Recherchen bin ich auf eine hoch interessante These gestossen, mit der ich nun eine neue Perspektive in den Fall bringen möchte. Im Sommer 1982 begaben sich die 17-jährige Brigitte Meier und die 15-jährige Karin Gattiker aus Goldach auf eine dreitägige Velotour. Am ersten Tag ihrer Reise führte sie der Weg über St. Gallen nach Herisau, wo die beiden die Grossmutter von Gattiker besuchten. Bei diesem Aufenthalt sollen die Mädchen von einem Fremden mit der eigenen Fotokamera fotografiert worden sein. Ob dieser Mann jedoch irgendetwas mit dem späteren Verbrechen zu tun hatte, konnte nie geklärt werden. Am zweiten Tag reisten die Mädchen weiter durch das Appenzellerland. Von diesem Tag berichten Zeugen, dass sie die beiden jungen Frauen beim Waschen und Kochen am Ufer der Sitter gesehen haben. Am dritten Tag stand bereits die Rückreise an. In der Jugendherberge Schwende erkundigten sich die beiden Reisenden nach der Route für die Rückreise. Vonseiten der Jugendherberge empfahl man den Weg über Eggerstanden und Oberriet, zudem händigte man den beiden eine Landkarte der Region aus. Zum letzten Mal wurden die beiden Mädchen anschliessend um kurz vor zwölf Uhr mittags gesehen. In den Medien wurde immer von einem Zeugen berichten. Ein Autofahrer, der die beiden Mädchen bei der Kreuzung Kobelwald gesehen hat. Hierbei gilt es zu erwähnen, dass es in Wahrheit nicht ein Autofahrer allein war, sondern, dass eine ganze Familie im Auto sass. Somit waren es mehrere Zeugen. Laut Zeugenaussage der Familie hätten die beiden Mädchen auf sie so gewirkt, als hätten sie sich verfahren und als seien sie sich gerade neu am Orientieren.

Später spekulierte man auch in den Medien darüber, dass die Mädchen eventuell die Kristallhöhle gesucht hätten. Am Abend um circa halb zehn Uhr kehrte die Familie von ihrem Ausflug zurück, dabei fuhren sie erneut an der Kreuzung vorbei, wobei ihnen auffiel, dass die Fahrräder der beiden Mädchen noch immer neben der Kreuzung standen, von den Mädchen fehlte jedoch jede Spur. Ein weiterer Zeuge war ein Anwohner. Zwischen elf und dreizehn Uhr befand er sich in der Küche seines Hauses. Vom Küchenfenster her konnte er die Kreuzung während des Kochens beobachten. Laut ihm sei dort über den Mittag für längere Zeit ein dunkles Auto gestanden. Es sei jedoch sehr neblig gewesen und die Sicht dadurch erschwert. Als das Verschwinden der beiden Mädchen bekannt wurde, ging man anfänglich von einem Unfall aus. Etwa fünfzig Polizisten wurden mobilisiert.

Am 9. August 1982 sprach man erstmals von einem Verbrechen. Die Suchaktion wurde erweitert. Die Goldacher Feuerwehr wurde hinzugezogen und es befanden sich über 150 Personen im Einsatz. Neun Wochen nach dem Verschwinden der Mädchen folgte Gewissheit: Man fand Brigitte Meiers Leiche nahe der Kristallhöhle. Sie lag am Fusse eines steilen Abhangs, in einer Nische platziert und mit Steinen und Laub bedeckt. Aufgefunden wurde die Leiche durch einen Wanderer, der einen Verwesungsgeruch festgestellt hatte. Karin Gattikers Leiche wurde unterhalb eines grossen Steines gefunden. Ihre Leiche wurde dort platziert. Ihre Hosen und Unterhosen wurden zusammengerollt neben ihrem Körper platziert. Irgendwann im Verlauf der Jahre wurde der Fall «ad acta» gelegt. Bis heute wurde er nicht vergessen. Buchautoren, Politiker, private Ermittler, Privatdetektive versuchten, den Fall auch Jahre danach noch zu lösen.

Einer der seit Kindheitstagen von diesem Fall berührt ist, heisst Thomas Benz. Der heute als Bestatter arbeitende Benz hat über zwei Jahrzehnte privat in dem Fall recherchiert. Unter anderem holte er mit einer Interessegemeinschaft zusammen den bekannten RTL-Profiler «Axel Petermann» in die Ostschweiz. Doch Petermann, wie sogar das amerikanische FBI zuvor, kam im Fall nicht weiter. Ein Schweizer Polizei-Reporter hat mich 2019 angerufen und mir von diesem Fall und Thomas Benz sowie von dessen Idee, ein Buch zu verfassen, berichtet. Kurz darauf traf ich mich mit Benz. Von da an begann ich den Fall für mich selbst und für das potenzielle Buchprojekt genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei meinen Recherchen habe ich sämtliche bisherigen Thesen neu durchgespielt und alle Fakten auf ihre Echtheit überprüft. Der erste Trugschluss in diesem Fall ist bereits die durch die Medien auferlegte Bezeichnung «Der Kristallhöhlenmord». Diese Bezeichnung suggerierte bereits zur Zeit der Ermittlungen, dass sich der Mord, respektive die Morde, in der Kristallhöhle ereignet haben müssen, doch dafür gibt es bis heute keinen einzigen Beweis. Das Einzige was Fakt ist, sind die Fundorte der Leichen, und die befanden sich bei der Kristallhöhle. Korrekterweise müsste man also von «Den Kristallhöhlenleichen » oder «Den Leichen bei der Kristallhöhle» sprechen. Und genau wie ich bereits die Bezeichnung hinterfragt und dabei auf Verblendung gestossen bin, ging ich auch bei allen anderen Rechercheschritten vor. «Aktenzeichen XY … ungelöst» hat da-rüber 1983 eine Folge gedreht, das Video zur Folge wurde am Originalschauplatz nachgespielt. Schaut man sich dort die Beschilderung im Hintergrund an, erkennt man klar, dass der Weg zur Kristallhöhle und der weitere Weg allgemein bereits damals deutlich beschildert war. Dass die Mädchen sich verfahren hatten, ist daher unwahrscheinlich.

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Des Weiteren bin ich auf interessante Fragen und zu einer äusserst erschreckenden Erkenntnis gelangt, und zwar, dass man im Fall Kristallhöhlenmord eine ganz bestimmte Ermittlungsrichtung nie ernsthaft verfolgt hatte. Laut Täterprofil müsste der Täter ortskundig gewesen und über Erfahrung im Bergsteigen verfügt haben. Meiner Meinung nach gibt es nebst dem Täterprofil eine weitere und immens wichtige Komponente, und zwar die Zeit. Die beiden Mädchen wurden um die Mittagszeit herum das letzte Mal an der Kreuzung gesehen und am Abend standen die Fahrräder genauso dort, wie sie am nächsten Tag dort von der Polizei gefunden wurden. Jetzt stellt sich mir die Frage: Wo befanden sich die Mädchen während Stunden bis es dunkel wurde? Ob sie direkt Opfer eines Verbrechens wurden, nachdem sie an der Kreuzung gesehen wurden, oder erst in den nächsten Stunden, irgendwo mussten sich die beiden Mädchen lebendig oder tot aufgehalten haben. Dazu kommt, dass der Täter die beiden Leichen unmöglich tagsüber versteckt haben konnte.

Zum einen gab es am Nachmittag in der Kristallhöhle eine Führung und so oder so wäre tagsüber das Risiko für den Täter, entdeckt zu werden, viel zu gross gewesen. Es spricht daher vieles dafür, dass die Leichen in der Nacht am Fundort platziert wurden. Nun frage ich mich, wieso hat man die Anwohnerschaft an der Kreuzung nie genauer als Täter in Betracht gezogen? Wäre es nicht naheliegend gewesen, dass die beiden Mädchen ihre Fahrräder an der Kreuzung stehen gelassen hatten, um eventuell bei einem Anwohner nach dem Weg zu fragen, auf die Toilette zu gehen oder um zu telefonieren und so zu Hause die Verspätung mitzuteilen? Könnte nicht jemand von der Anwohnerschaft der Täter gewesen sein? Haben die Mädchen eventuell am falschen Haus geklingelt? Wurden sie reingelassen, eventuell sogar freundlich auf einen Kaffee eingeladen, direkt in der Höhle des Wolfes, ahnungslos und gutgläubig wie Rotkäppchen bekanntlich dem bösen Wolf zum Opfer fiel? Der Täter hätte die Leichen problemlos mehrere Stunden, bis in die Nacht hinein im Haus oder in der Garage, eventuell sogar im Kofferraum, aufbewahren können. Danach hätte er sich mit dem Auto zur Kristallhöhle begeben und seelenruhig die Leichen verstecken können.

Die These, dass der Täter in der Nachbarschaft gewohnt hat, gibt erstmals Sinn. Es erklärt die stehengelassenen Fahrräder, auf denen von den Mädchen sogar die Wertsachen, unter anderem ein damals wertvoller Fotoapparat zurückgelassen wurden. Im Übrigen entspricht ein Anwohner als Täter auch dem Täterprofil, denn als Anwohner ist man logischerweise ortskundig und viele der Anwohner begannen bereits in Kindheitstagen mit dem Klettern im Kobelwald. Aufgrund meiner persönlichen These begann ich direkt ins Gebiet einzutauchen. Ich besuchte unter anderem den Zeugen, der von seinem Küchenfenster her ein dunkles Auto für längere Zeit an der Kreuzung gesehen haben will. Interessanterweise beschreibt der Anwohner heute wie damals das «Stehen eines verdächtigen Fahrzeugs an der Kreuzung» um dieselbe Zeit (!), wie die Zeugen im Auto die beiden Mädchen mit den Fahrrädern an der Kreuzung gesehen haben. Wieso hat der Anwohner die Mädchen also nicht gesehen? Der Zeuge selbst sprach bereits damals von Nebel, doch laut Wetterbericht und anderen Aussagen herrschte kein Nebel. Wieso wusste dieser Anwohner, um welche Uhrzeit sich die Mädchen an der Kreuzung befunden haben, wenn er sie nicht gesehen hatte? Wieso lenkt er auf ein verdächtiges Fahrzeug genau auf den Zeitraum, als die Mädchen wirklich an der Kreuzung standen? Hielt er sich für den einzigen Zeugen? Seine Aussage wäre wohl die einzige und auch die gewesen, die auf einen auswertigen Täter hingewiesen hätte, wäre da nicht noch das Auto mit der Familie, welche die Mädchen an der Kreuzung bestätigen konnte. Wohlbemerkt, die Mädchen und kein stehendes Fahrzeug! Zufall oder Verblendung? Ich wolle es wissen und besuchte diesen Anwohner, der zugleich als wichtiger Zeuge galt, der noch heute im selben Haus wohnt. Sogar das Küchenfenster befindet sich noch am selben Ort, mit direkter Sicht zur Kreuzung. Meine Fragen wurden beantwortet, doch es tauchten neue auf. Auf meine Frage, was genau der Zeuge an diesem Tag gemacht hatte, folgte eine irritierende Antwort: «Ich habe in meiner Küche rund drei Stunden lang Gemüse gerüstet und gekocht. In der folgenden Nacht bin ich früh, so gegen 4 Uhr aufgestanden und losgefahren, da ich auf dem Säntis wandern wollte. Bei meiner Wegfahrt habe ich die Fahrräder an der Kreuzung gesehen und mir gedacht, dass dies seltsam sei.» Wandern auf dem Säntis?

Auf meine Frage, wie oft er im Jahr auf dem Säntis wandern ging, meinte er: «Etwa zwei Mal.» Zufall oder Verblendung? Ist es Zufall, dass der Zeuge genau in der Nacht nach dem Verschwinden der Mädchen auf eine Wandertour aufgebrochen ist? Auf meinen Einwand, dass es auch mehrere Täter gewesen sein könnten, was auch das Versteck von Gattiker annehmen liesse, da diese unter einer grossen Felsplatte gefunden wurde, die ein Täter niemals allein hätte anheben können, begann mein Gegenüber überraschend zu lächeln. «Herr Campi, so eine Felsplatte verschiebe ich Ihnen allein. Dazu braucht man nur einen Habegger und einen Baum in der Nähe. Ich habe jahrelang grosse Maschinen hin- und hergeschoben.» Um eines klarzustellen, ich will hier niemanden falsch oder gar den Zeugen als Täter beschuldigen, zudem habe ich auch nicht die Illusion, derjenige zu sein, der den Fall nach so vielen Jahren lösen kann. Doch finde ich es erstaunlich, dass Thesen dieser Art in all den Jahren nie wirklich durchgespielt wurden!

Kein Kriminalpolizist, Staatsanwalt oder Profiler wagte es ernsthaft, sich die Anwohner genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch wenn es eventuell am Ende entlastende Fakten für die Unschuld der Anwohner gegeben hätte, so hätte man es wenigstens versuchen müssen, um alles Mögliche auszuschliessen und das hat man im Fall «Die Kristallhöhlenleichen » offensichtlich unterlassen.

(smc)

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